Hessische Polizei - Polizeiautos
 
02.12.2008

Raubmörder lieferte Polizei fünfstündiges Feuergefecht

40. Jahrestag eines ungewöhnlichen Polizeieinsatzes

Am 7. Juni 2008 jährte sich zum Vierzigsten Mal der Tag eines ungewöhnlichen Einsatzes, bei dem sich der 35jährige niederländische Raubmörder Antonius Terburg in Frankfurt am Main mit der Polizei ein mehrstündiges Feuergefecht geliefert hatte, das bis zu diesem Zeitpunkt als das längste in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist.

Terburg verübte am 1. Juni 1968 einen Raubüberfall auf ein Pelzgeschäft in München und erschoss dabei den Sohn der Inhaberin, den 41jährigen Kürschner Anton Höger. Danach fehlte von dem Täter jede Spur. In der gesamten Bundesrepublik lief die Fahndung auf Hochtouren.

Wenig später erhielt die Frankfurter Kriminalpolizei aus München einen Hinweis, dass sich der Flüchtige nach Frankfurt abgesetzt haben soll. Die Informationen verdichteten sich, dass sich Terbur am 6. Juli mit einem Hehler, der ihm noch Geld schuldete, in der Jim Beam Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel treffen wolle. Die Kripo ließ die Bar observieren und postierte vor dem Eingang zwei Zivilbeamte, die Terburg beim Verlassen der Bar festnehmen sollten. Als dieser gegen 03:00 Uhr die Bar verließ, wurde er sofort misstrauisch. Noch bevor die beiden Beamten ihn überwältigen konnten, zog er plötzlich seine Pistole, eine 9mm Astra, die auch die Mordwaffe war, und versuchte, auf die Beamte zu feuern. Diese gingen sofort in Deckung. Doch die Waffe funktionierte nicht. Terburg ergriff daraufhin die Flucht in Richtung Steinweg.

Die Beamten nahmen sofort die Verfolgung auf und gaben auf den Fliehenden zwei Schüsse ab. Dennoch gelang es ihm, sich zu entfernen. Ein Taxifahrer, den die Beamten am Börsenplatz um Mithilfe baten, fand sich nicht bereit, die Polizei bei der Verfolgung zu unterstützen. Terburg war zunächst wie vom Erdboden verschwunden.

Inzwischen hatte man mit dem Überfallkommando die Fahndung wieder aufnehmen können. Gegen 04:00 Uhr gelang es, Terburg am Theaterplatz, in einer Steinbaracke im Hinterhof des früheren Restaurants „ Paprika“ ausfindig zu machen. Es war die Stelle, wo sich heute das Hochhaus der Europäischen Zentralbank befindet.

Beamte suchen Schutz an einer Steinbaracke

Das Versteck war nur durch eine Toreinfahrt zugänglich, die vom Täter als ein ideales Schussfeld genutzt werden konnte. Über Megaphon forderte der Führer des Überfallkommandos Terburg auf, aus seinem Versteck herauszukommen und sich zu ergeben. Doch dieser ließ sich auf keine Verhandlungen ein und feuerte sofort auf die Beamten. Dabei traf eine Kugel den Diensthund Alf, der nach seiner schweren Verletzung später getötet werden musste.
Die Polizeieinsatzkräfte verschanzten sich hinter der Toreinfahrt und schossen aus ihren Dienstwaffen (Maschinenpistole Beretta und Pistolen Walther PP) zurück

Der Versuch, Terburg mit Tränengas aus seinem Versteck zu locken, gelang nicht. Wegen der großen Distanz verfehlten die Wurfkörper zum größten Teil ihr Ziel oder wurden von Terburg wieder zurückgeworfen. Die Beamten waren gezwungen, weitere Verstärkung anzufordern und beschränkten sich zunächst darauf, den morgendlichen Berufsverkehr am Theaterplatz umzuleiten.
Da immer mehr Maßnahmen am Einsatzort erforderlich wurden (inzwischen versammelte sich am Ort des Geschehens eine große Anzahl von Schaulustigen) musste der Einsatzleiter, Polizeioberkommissar Ulrich Sachs insgesamt 70 Beamte anfordern.

Beamte suchen Schutz an der Steinbaracke

Trotz des großen Polizeiaufgebotes war Terburg nicht zur Aufgabe bereit. Alle Aufforderungen, sich zu ergeben, beantwortete er mit weiteren Pistolenschüssen. Ingesamt wurden später 100 Patronenhülsen in seinem Versteck gefunden
Zu weiteren Unterstützung wurde die Frankfurter Berufsfeuerwehr hinzugezogen .Mit einer starken Feuerspritze sollte versucht werden, den Bretterverschlag am Fenster einzudrücken, was jedoch nicht gelang. Erst als man bei der Hessischen Bereitschaftspolizei einen gepanzerten Sonderwagen angefordert hatte, war es möglich, sich dem Versteck zu nähern.

Mit weiterem Tränengas sollte Terburg zu Aufgabe gezwungen werden, doch im Gebäude rührte sich nichts mehr. Unter gegenseitigem Feuerschutz gelang es einem kleinen Trupp, mit einem Hammer die Tür einzuschlagen und in das Haus einzudringen. Bei der Durchsuchung der Räume fand man Terburg zusammengekauert in einem Wandschrank. Mit seiner letzten Patrone hatte er sich in den Kopf geschossen und seinem Leben ein Ende bereitet.

Beamte suchen Schutz hinter einem Panzerfahrzeug

Um 08:55 Uhr war der fünfstündige Einsatz beendet, der bis dahin als der längste und intensivste Schusswechsel mit einem Straftäter in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist. Folgt man dem Bericht der Nachtausgabe vom 8.Juni 1968, so wurden auf Terburg etwa 1000 Schüsse abgegeben. Dass diese Zahl nicht übertrieben war, geht aus dem Jahresbericht der Schutzpolizei von 1968 hervor, wonach in der Statistik der Munitionsverbrauch genau um diesen Betrag höher gelegen hatte als im Jahr zuvor.

Bei Antonius Terburg handelte es sich um einen vorbestraften und brutalen Gewaltverbrecher. Als Fremdenlegionär wurde er im Indochinakrieg zur besonderen Härte erzogen. Er wechselte 1968 von Frankfurt nach München und gehörte dort einer Bande an, die sich auf Pelzdiebstähle spezialisiert hatte. Mit dem Diebesgut belieferte man in München hauptsächlich die Prostituiertenszene.
Bei Terburg fanden die Beamten später einen Schein zur Gepäckaufbewahrung im Frankfurter Hauptbahnhof. Dort hatte er noch zwei Pelzmäntel deponiert, die jedoch nicht aus dem Überfall stammten. Bandenmitglieder schilderten später seine Kaltblütigkeit und Rücksichtslosigkeit. Immer wieder soll er gesagt haben, dass man ihn lebend niemals zu fassen bekomme.

Autor: Kurt Kraus

Quellen:Zeitungsberichte:Frankfurter Rundschau vom 8.6.68Die Welt vom 8.6.68Frankfurter Nachtausgabe vom 8.6.68Frankfurter Neue Presse vom 8.6.68Zeitzeugenbericht des damaligen EinsatzleitersErster Polizeihauptkommissar a. D. Ulrich Sachs.Jahresbericht der Frankfurter Schutzpolizei 1968 (Magistratsakte 995,Institut für Stadtgeschichte.) Frank.B. Metzner, Polizei-Sondereinheiten in Europa, 2002