Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
09.08.2017

Läuft die Medienentwicklung dem Jugendschutz davon?

Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz - Staatsvertrag der Länder -  
Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Der Jugendmedienschutz wurde installiert, um Kinder und Jugendliche vor Inhalten in den Medien zu schützen, die insbesondere Gewalt und angstauslösende Darstellungen enthalten, sowie vor ethisch desorientierenden Angeboten.

Dabei unterscheidet das Gesetz zwischen Inhalten in den Medien, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit beeinträchtigen, und solchen, die ihre Entwicklung gefährden können.

Wesentliche Instrumente des gesetzlichen Jugendmedienschutzes sind die Vergabe von Alterskennzeichen für Kinofilme, Filme auf DVD, CD und Blu-Ray-Disc (sogenannte Trägermedien) und die Festlegung von Sendezeiten für Fernsehsendungen und Telemedien. Je nach Entwicklungsstufe der Kinder und Jugendlichen wirken Darstellungen in den Medien unterschiedlich und können nur unterschiedlich verarbeitet werden, teilweise können sie sogar die Entwicklung beeinträchtigen.

Der Jugendmedienschutz im Internet stellt eine besondere Herausforderung dar. Hier gibt es keine Prüfausschüsse, die jugendschutzrelevante Inhalte vor der Veröffentlichung beurteilen, dies ist aufgrund der Fülle der Angebote im Netz nicht praktikabel. Im Internet wird daher auf sogenannte Selbstverpflichtungen deutscher Anbieter gesetzt, die von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) kontrolliert werden. Wichtig sind hier auch technische Schutzmöglichkeiten, wie etwa Jugendschutzprogramme, die durch die Eltern auf den heimischen Rechnern installiert werden können, um die Kinder und Jugendlichen vor problematischen Inhalten zu schützen.

Die Mediennutzung findet mehr und mehr im Netz statt, und dort gibt es für Kinder und Jugendliche fast alles zu sehen. Formal gelten zwar für das Internet ähnliche Bestimmungen wie für die Ausstrahlung im Fernsehen, trotzdem bleiben Verstöße aber meist folgenlos.

Das beginnt damit, dass die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages gegenüber Anbietern mit Sitz im Ausland nur sehr schwer durchsetzbar sind.

Aber auch die Kontrolle deutscher Anbieter läuft meist ins Leere. Die Sendezeiten Jugendgefährdender Inhalte dürfen im Netz nur ab 22.00 Uhr bis morgens um 06.00 Uhr angeboten werden oder wenn es Inhalte sind, die keine Jugendfreigabe erhalten haben, nur in der Zeit zwischen 23.00 Uhr und 06.00 Uhr morgens. Alternativ können die Anbieter aber auch ihre Inhalte technisch kennzeichnen, so dass sie durch ein Jugendschutzprogramm auslesbar sind. Wird diese Auflage erfüllt, können alle Inhalte rund um die Uhr angeboten werden. Faktisch sind aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt Jugendschutzprogramme ziemlich unwirksam. Häufig fehlen hier die technischen Voraussetzungen.

Es ist eine tolle Idee, dass Eltern ein Jugendschutzprogramm herunterladen, dieses auf die richtige Altersstufe einstellen und das Programm alle Inhalte blockiert, die nicht über die technische Freigabe verfügen. Es hat sehr lange gedauert, bis man sich gesetzlich zu diesem Schritt entschließen konnte Jugendschutzprogramme einzusetzen. Es wurde daher in die Entwicklung von Jugendschutzprogrammen nur wenig bis gar nicht investiert, um sie auf den neuesten Stand zu bringen. Mit guten Jugendmedienschutzprogrammen hinken wir also noch ziemlich hinterher.

Wenn man die großen Unterschiede zwischen der hohen Regulierung bei den Trägermedien (Kino, DVD, Computerspiele) und bei den recht aufwendigen Regulierungen im Fernsehen und einer fast nicht vorhanden Regulierung im Internet anpassen möchten, gibt es zwei Lösungen:

Man reduziert den Regulierungsaufwand in den klassischen Medien,
oder man erhöht den Regulierungsgrad im Internet.

Wahrscheinlich ist eine solche Regulierung nicht, da in fast allen politischen Parteien starke Kräfte vorhanden sind die sagen, dass sie in fast jeder Regulierung im Internet nach Jugendschutzgesetzgesichtspunkten eine unerwünschte und unzulässige Einschränkung der Freiheit des Netzes sehen.

Fazit:

Benötigt wird eine Strategie, die alle Stellschrauben der Anbietervorsorge, Kompetenzvermittlung und Technik intelligent verknüpft. Es sollte weiterhin die Motivation bestehen, den Jugendschutz der Zukunft an die Medienrealität anzupassen und was vielleicht noch wichtiger ist, hier sind die Eltern mit ihren Aufgaben als Erziehungsberechtigte gefragt.


Ergebnisse von Recherchen und Kontrollen von jugendschutz.net für das Jahr 2016

Die Anzahl der Überprüfungen durch jugendschutz.net auf Verstöße hat sich im Jahr 2016 im Vergleich zu 2015 vervierfacht (2016 – 121.908 Überprüfungen / 2015 – 30.685 Überprüfungen). Hauptsächlich wurden Dienste des Social Web auf Hassbotschaften und Gewaltdarstellungen überprüft. Die Zahl der Sichtungen in Deutschland und bei größeren Beurteilungseinheiten ist konstant geblieben, die Steigerungen waren vor allem bei ausländischen Plattformen und kleineren Einheiten (z.B. Hasskommentare, Gewaltvideos) festzustellen.

6.011 Verstöße gegen Jugendschutzbestimmungen registrierte jugendschutz.net 2016. Nur 15 Prozent (902 Verstöße) fanden sich auf deutschen Angeboten (2015:18%) Die Hälfte der Verstöße fand jugendschutz.net über Hinweise (46%) Das Gros (69%) wurde auf US- Angeboten im Social Web registriert, insbesondere auf den größeren Plattformen Facebook (23%), You Tube (14%) und Twitter (10%).

Schwerpunkt der Verstöße ist erstmals im Bereich des politischen Extremismus zu verzeichnen aufgrund der zunehmenden Zahl von Hassbotschaften (38%), 13% waren Darstellungen der sexuellen Ausbeutung, 21% enthielten pornografische und 16% jugendgefährdende Inhalte. In 6% stellte jugendschutz.net entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte für Jugendliche fest.

2016 erreichte jugendschutz.net in fast zwei Dritteln der Fälle (66%) eine schnelle Beseitigung von Verstößen. In Deutschland lag die Erfolgsquote der eigenen Aktivitäten bei 74%, im Ausland bei 64%. Die Erfolgsquote im Ausland konnte damit stark verbessert werden. Hier war insbesondere ein wachsender Erfolg bei Volksverhetzung und Holocaustleugnung zu vermerken (81%).


Text der Zusammenfassung: Antje Suppmann, Zentrale Jugendkoordination des Polizeipräsidiums Mittelhessen

Quelle: Jugendmedienschutz-Report 3/17, Juni 2017, 40. Jahrgang - Aufsätze/Berichte:

  • „Medienentwicklung läuft dem Jugendschutz davon“ von Joachim von Gottberg
  • Kindern und Jugendlichen eine unbeschwerte Teilhabe im Netz ermöglichen“, von  Friedemann Schindler

Mit freundlicher Genehmigung der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, siehe Internet unter http://www.jms-report.nomos.de/


Weitere Infos zum Thema Jugendmedienschutz erhalten Sie im Internet unter  2 rote Pfeile www.bmfsfj.de
und Broschüren Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder