Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
10.01.2018

Studie zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland

Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer

bedrückte Jugendliche, Bildquelle: www.polizeiberatung.de
  

Studie zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland
Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer
Januar 2018

Prof. Dr. Christian Pfeiffer
Prof. Dr. Dirk Baier
Dr. Sören Kliem
unter Mitarbeit von Prof. Dr. Thomas Mößle, Laura Beckmann und Eberhard Mecklenburg
Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 

Derzeit ist die durch Prof. Dr. Christian Pfeiffer veröffentlichte Studie in aller Munde. Um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, werden hier kurze Teile der Studie dargestellt.

Die Studie beinhaltet sowohl Befunde von Auswertungen der Hellfeldstatistik ebenso wie von Dunkelfelduntersuchungen. Ein Schwerpunkt wird dabei auf die Gruppe der Jugendlichen gelegt. In der Polizeilichen Kriminalstatistik sind Jugendliche Personen im Alter zwischen 14 und unter 18 Jahren. Die meisten Dunkelfeldstudien beschränken sich auf Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe, die in Deutschland durchschnittlich 15 Jahre alt sind. Die Beschränkung auf diese Altersgruppe hat forschungsökonomische Gründe: Dunkelfeldbefragungen unter Jugendlichen werden hauptsächlich an Schulen durchgeführt, da hier nahezu alle Jugendlichen erreicht werden können.

Entwicklung der Jugendkriminalität

In den Jahren 2007 bis 2014 ist eine Abnahme der Jugendkriminalität bundesweit in Deutschland zu verzeichnen. Gründe die durch die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Christian Pfeiffer dafür benannt werden, sind beispielsweise eine bessere Schulbildung der Jugendlichen, eine immer häufigere gewaltfreie Erziehung der Kinder sowie emotionale Zuwendung für die Heranwachsenden und auch der Rückgang von Alkoholkonsum bei jungen Menschen. Die Jugendlichen untereinander verstärken diese positiven Effekte.

Migranten neigen nach der Studie durch Prof. Dr. Pfeiffer nicht pauschal zu höherer Kriminalität. Der höhere Anteil der Tatverdächtigen sei hauptsächlich damit zu erklären, dass es sich bei den Zuwanderern zu einem großen Teil um junge Männer in einem Alter handele, in dem mehr Menschen typischerweise straffällig werden. Viele der Flüchtlinge in Deutschland stammen auch überwiegend aus muslimisch geprägten Ländern, die häufig durch männliche Dominanz geprägt seien. In der Studie wird gesagt, dass Personen aus diesem Kulturkreis sogenannte gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen in weit höherem Maß verinnerlicht haben als gleichaltrige Deutsche.

Gibt es Unterschiede zwischen den Nationaltäten im Delinquenzverhalten?

Hier wird ein Zusammenhang mit dem Aufenthaltsstatus gesehen. „Wer als Kriegsflüchtling kommt oder aus anderen Gründen für sich gute Chancen sieht, in Deutschland bleiben zu dürfen, wird bemüht sein, diese Aussichten nicht durch Straftaten zu gefährden“, heißt es in der Studie. Wer dagegen, wie etwa die Asylbewerber aus Nordafrika (Algerien, Tunesien, Marokko), sehr bald nach der Ankunft in Deutschland erfährt, dass er hier unerwünscht ist und wieder in seine Heimat zurückkehren muss, scheint gefährdet, seine Enttäuschung und Frustration aggressiv auszuagieren. Hinzu kommt, dass er nicht damit rechnen kann, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Das begründet eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er in die Illegalität abtauchen wird, um sein Leben über Schwarzarbeit oder auch Kriminalität zu finanzieren.

Werden Flüchtlinge häufiger angezeigt als Deutsche?

Nach dem Befund der Gewalt-Studie liegt die Anzeigenbereitschaft der Opfer von Gewalttaten ungefähr doppelt so hoch, wenn Opfer und Täter sich vorher noch nie begegnet sind oder wenn sie aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen stammen. Das heißt, dass Gewalttaten von Flüchtlingen fast doppelt so häufig angezeigt werden wie die von deutschen Tätern. Daraus entsteht eine Verzerrung der Sichtbarkeit von Gewalttaten.

Das verdient schon deshalb Beachtung, weil die aus den schlichten Tatverdächtigenzahlen entstehenden Fehleinschätzungen dazu missbraucht werden können, die Ängste vor Flüchtlingen zu schüren und die Ausländerfeindlichkeit zu erhöhen.

Auszüge aus Individuellen und sozialen Rahmenbedingungen die das Gewaltrisiko beeinflussen können:

  • Eine fehlende Tagesstruktur führt oft zu Langeweile, Frustration und Aggression. Passivität verhindert zudem präventive Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Aus einem gut organisierten Schulbesuch, aus regelmäßigen Angeboten von Sport und Freizeitgestaltung oder auch aus Praktika zum Erlernen arbeitsbezogener Fähigkeiten können starke Präventionseffekte erwachsen, was jedoch derzeit noch zu selten der Fall ist.
       
  • Flüchtlinge, die keine Bleibeperspektive haben, können nicht selten in Alkohol- und Drogenprobleme geraten, was wiederum das Risiko von Gewalttaten erhöhen kann. Das zeigt, wie wichtig es ist, auch jenen Flüchtlingen eine sinnvolle Tagesstruktur anzubieten, die nicht mit einem sicheren Aufenthaltsstatus rechnen können.
      
  • Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen angesichts des Verlusts ihrer Familie dringend verlässliche soziale Kontakte. Ehrenamtlichen Helfern gelingt es oft, für sie zu einer wichtigen Bezugsperson zu werden. Beklagt wurde allerdings, dass einige Kommunen es versäumen, für die Übernahme einer solchen sozialen Patenschaft zu werben, die Interessenten auf diese Aufgabe gut vorzubereiten und sicherzustellen, dass sie durch regelmäßige Super-vision unterstützt werden.
      
  • Der Schulbesuch von unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen kann dann zum Problem werden, wenn dadurch der Unterricht der einheimischen Schüler/innen leidet und die jungen Flüchtlinge als Störer empfunden und entsprechend behandelt werden. Es mangelt vielfach an (sozial-) pädagogischen Fachkräften, die hier für Entlastung sorgen und zur Integration der „Fremden“ in den Schulbetrieb beitragen.
       
  • Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge geraten mit Erreichen des 18. Lebensjahres oft in eine massive Krise, weil sie das betreute Wohnen verlassen müssen, dadurch ihr bis dahin aufgebautes soziales Netzwerk verlieren und teilweise sogar wegen eines Wohnortwechsels auch den Ausbildungsplatz/Praktikumsplatz einbüßen. Der Übergang in das Leben als erwachsener Flüchtling wird nur selten konstruktiv vorbereitet.
       
  • In großen Flüchtlingsheimen mit mehr als 50 Personen kann sich wegen der damit verbundenen Anonymität und den sich daraus entwickelnden Ängsten und dem wachsenden Misstrauen das Risiko von Konflikten und tätlichen Auseinandersetzungen erhöhen. Die Kommunen sind aufgefordert, dem durch das Anbieten von kleineren Wohneinheiten entgegenzuwirken.
       
  • Die Behörden bemühen sich zu selten darum, ehemalige Flüchtlinge als Partner bei der Betreuung der Asylbewerber zu gewinnen. Dort, wo das geschieht, zeigt sich, dass die Flüchtlinge dann schneller Vertrauen gewinnen, besser kooperieren und mehr Verständnis dafür zeigen, wenn bei der Umsetzung von Betreuungsmaßnahmen Probleme auftreten.

 

Die komplette Studie und Zentrale Befunde finden Sie im Internet auf der Seite des
BMFSFJ

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Gutachten und Zentrale Befunde "Zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland"

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