Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
16.11.2017

Wir sind für Sie da! – Häusliche Gewalt

Was oft hinter verschlossenen Türen bleibt

Mann schlägt Frau, Bildquelle: www.polizei-beratung.de    
Der Begriff „Häusliche Gewalt“ umfasst eine Vielzahl an Straftaten. Von der Nötigung, der Körperverletzung, Vergewaltigung bis hin zur Tötung werden diverse Straftaten unter diesem Begriff zusammengefasst.

      
Foto: Mann schlägt Frau, Bildquelle: www.polizei-beratung.de

Es sind Taten zwischen Menschen, die einer Ehe- oder Partnerschaftsbeziehung stehen.  Im Jahr 2016 wurden im Wetteraukreis 428 dieser Taten registriert.

Eine Zahl, die nur einen Bruchteil aller tatsächlich stattfindenden Taten beschreibt, nämlich jene, die der Polizei bekannt geworden sind. Von einem großen Dunkelfeld in diesem Bereich muss ausgegangen werden.


Mal sind es die Nachbarn, mal die verängstigten Kinder und in anderen Fällen die Betroffenen selbst, die die Polizei verständigen, wenn einer der Partner auf den anderen losgeht. In rund 81 % (297) der registrierten Fälle des vergangenen Jahres waren die Männer die Tatverdächtigen, aber auch gegen 69 Frauen wurden Ermittlungen wegen Häuslicher Gewalt geführt.

Ob psychische oder physische Gewalt, eine Belastung stellen solche Vorfälle für alle Beteiligten dar, auch für die Einsatzkräfte und Helfer, die mit diesen Fällen betraut sind. Angst, Wut, Hilflosigkeit, Überforderung, Verzweiflung, Scham – eine Welle von unterschiedlichsten Gefühlen können die Betroffenen erleben.

Häusliche Gewalt findet oft im Verborgenen statt. Auch in den polizeilichen Presseberichten ist selten etwas zu dieser Form von Straftaten zu finden. Der Grund dafür: Insbesondere die Opfer solcher Straftaten verdienen jeglich möglichen Schutz - ihre Persönlichkeitsrechte, ihre Anonymität muss gewahrt bleiben.

Doch die Statistik zeigt, dass es ein Thema ist, das mit statistisch rund 1,2 Fällen pro Tag in der Wetterau im Jahr 2016 gerade auch im polizeilichen Alltag zu einer traurigen Realität gehört. Daher stellen wir hier an dieser Stelle einmal unsere Arbeit und die Erfahrungen in diesen Fällen dar:

 

Für uns im Interview: Polizeioberkommissarin Kirsten Schäfer

Kirsten, bitte stell dich doch zunächst einmal vor.

Kirsten Schäfer, Opferschutzkoordinatorin der Polizeidirektion Wetterau    

Schon seit einigen Jahren betreue ich in der Polizeidirektion Wetterau das Amt der Opferschutzkoordinatorin.

Ich bin damit die Ansprechpartnerin von Opfern verschiedenster Straftaten und kann ihnen sowohl den Ablauf der polizeilichen Ermittlungen erklären, als auch die Möglichkeiten von Hilfsangeboten aufzeigen.

Foto links: Kirsten Schäfer, Opferschutzkoordinatorin der Polizeidirektion Wetterau

Gleichzeitig bin ich Mitglied des Runden Tisches Häusliche Gewalt im Wetteraukreis und damit eng mit dem Thema verwoben.


Das Wichtigste zuerst: Muss ich als Lebens- oder Ehepartner ein gewisses Maß an Gewalt über mich ergehen lassen?

Ein klares Nein. Weder unerwünschte Berührungen, noch Ohrfeigen, Tritte oder auch psychischen Druck meines Partners muss ich erdulden. Jeder darf dem anderen klar seine Grenzen aufzeigen und hat die Möglichkeit, strafrechtlich relevante Taten bei der Polizei zur Anzeige zu bringen. Vermeintliche Rechtfertigungen, wie „mir ist die Hand ausgerutscht“ gelten nicht. Gewalt ist Gewalt, ob körperlich oder psychisch, niemand muss sie über sich ergehen lassen.


Woher weiß ich als Opfer, ob die begangene Tat eine Anzeige wert ist?

Titelfoto der Broschüre Runder Tisch gegen häusliche Gewalt im Wetteraukreis - Bildquelle: la dina / photocase.comIm Zweifelfall hilft immer nachfragen, egal ob telefonisch oder persönlich. Das muss nicht bei der Polizei sein, auch verschiedenste Hilfsorganisationen bieten kostenfrei Beratungen an. Für den Wetteraukreis sind sie beispielsweise in der Broschüre HÄUSLICHE GEWALT im Wetteraukreis ( 1,43 MB)  aufgeführt. Oft fällt es Betroffenen leichter mit einer „Privatperson“ zu sprechen, als mit einer Beamtin oder einem Beamten.

Titelfoto der Broschüre "Runder Tisch gegen häusliche Gewalt im Wetteraukreis"
Bildquelle: la dina / photocase.com


Was mache ich, wenn ich oder meine Kinder gerade geschlagen werden?

Verständigen Sie sofort die Polizei, scheuen Sie sich nicht, die Notrufnummer 110 zu wählen. Das wichtigste dabei ist anzugeben, wo Sie sich gerade befinden, damit Ihnen schnell geholfen werden kann. Können Sie selbst nicht telefonieren, dann rufen Sie laut um Hilfe, wenn Sie angegriffen werden, oder flüchten Sie sich, wenn möglich zu Nachbarn oder Freunden, um von dort die Polizei zu verständigen.


Und wenn die Polizei dann da ist?

Die Polizistinnen und Polizisten haben sehr viel Erfahrung mit solchen Situationen. Sie beenden eine Gewaltsituation, veranlassen eine eventuell notwendige medizinische Versorgung, wirken beruhigend auf die Opfer und Beteiligten ein, lassen sich den Sachverhalt von allen Seiten schildern, dokumentieren Verletzungen und nehmen Personalien auf. Egal ob Mann oder Frau, niemand muss sich schämen, Opfer einer solchen Tat geworden zu sein.


Muss ich dann meine Wohnung verlassen?

Sie können als Opfer die Wohnung verlassen, wenn Sie dies möchten, Sie müssen es aber nicht. Wenn Sie sich bei Freunden oder Verwandten wohler fühlen, oder als Frau in ein Frauenhaus möchten, dann besteht diese Möglichkeit. Aber selbst wenn es sich nicht um Ihre Wohnung handelt, in der Sie gemeinsam mit dem Täter lebten, können Sie als Opfer zunächst in dieser verbleiben.

Ohne zu sehr in die rechtlichen Details gehen zu wollen, hat die Polizei die Möglichkeit, den mutmaßlichen Täter bis zu zwei Wochen der Wohnung zu verweisen. Auch außerhalb der Wohnung können Opfer durch polizeiliche Anordnungen geschützt werden, durch sogenannte Annäherungsverbote. Hält sich der Täter nicht an diese Anordnungen, kann er von der Polizei zum Schutz des Opfers vor weiteren Gewalttaten sogar in Gewahrsam genommen werden.


Und was passiert nach diesen zwei Wochen?

In dieser Zeit können sich Opfer von Hilfsorganisationen beraten lassen, Verletzungen durch einen Arzt dokumentieren lassen, möglicherweise eine Rechtsberatung bei einem Anwalt in Anspruch nehmen, Zeugen der häuslichen Gewalt benennen und dann mit der entsprechenden Unterstützung eine dauerhafte Regelung zu ihrem Schutz herbeiführen, die nur ein Gericht aussprechen darf.

Nicht jede Auseinandersetzung oder Eskalation, selbst wenn die Polizei in die Sache einbezogen wurde, führt schließlich auch zur Trennung von Opfer und Täter. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Paare Häuslicher Gewalt weiter zusammenleben wollen. Die Gründe dafür sind ganz verschieden. Vermeintliche finanzielle Abhängigkeiten, gemeinsame Kinder oder unklare Gefühle können Gründe sein.

Also bleibt dann alles beim Alten?

Das kann es, wenn die Opfer dies wünschen. Als Beraterin der Opfer ermuntere ich sie jedoch dazu, etwas in ihrem Leben zu ändern. Das muss keine Trennung sein, es können auch Paartherapien oder beispielsweise eine Finanz- oder Suchtberatung helfen, je nach Grund für die Gewalttätigkeiten.

Insbesondere für Männer als Täter bietet pro familia das Programm „contra. punkt“ Flyer Partnerschaftlich Leben ohne Gewalt ( 422 KB) an. Neben Beratungen beinhaltet es Trainingseinheiten, um sich selbst so weit in den Griff zu bekommen, dass es zu keinen Gewaltausbrüchen kommt. Damit können die Männer ihren Partnerinnen zeigen, dass sie wirklich etwas ändern wollen.

 

Wo finde ich schnell Hilfe, wenn ich diese benötige?

Im Notfall kann sich jeder rund um die Uhr an die Polizei wenden, die unter der Notrufnummer 110 schnell und einfach zu erreichen ist. Handelt es sich nicht um einen Notfall, so stehe auch ich als Ansprechpartner zur Verfügung. Etwa zwischen 08.00 und 16.00 Uhr bin ich von Montag bis Freitag und der Telefonnummer 06031-601-140 zu erreichen.

Auch beim Hilfetelefon - Gewalt gegen Frauen Tel. 08000 116 016 - erhalten Betroffene kostenfrei rund um die Uhr Hilfe und Rat. Beratungen sind in vielen verschiedenen Sprachen möglich, auch in Gebärdensprache und leichter Sprache wird sie angeboten.

Hilfeeinrichtungen finden sich zudem hier: Opferdatenbank für Betroffene von Straftaten - ODABS

 

Wie verhalte ich mich, wenn ich selbst nicht Opfer von Gewalt bin, diese aber in meinem Umfeld mitbekomme?

Hilfe kann nur annehmen, wer auch Hilfe möchte.

Abwehrhaltung Kind, Bildquelle: www.polizeiberatung.deDaher ist es wichtig, sich den Betroffenen als Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen und ihre Wünsche zu respektieren. Aber auch in diesem Fall bieten die Hilfeeinrichtungen die Möglichkeit an, Beratungen in Anspruch zu nehmen, um bestmöglich mit der Situation umzugehen. Anders sieht es aus, wenn Minderjährige von Gewalt betroffen sind. Dann sollte sofort die Polizei oder das Jugendamt informiert werden, selbst wenn die Sorgeberechtigten dies nicht möchten.

Foto: Abwehrhaltung Kind, Bildquelle: www.polizeiberatung.de

 

Möchtest du noch etwa loswerden?

Ja. Eine Sache, die mir besonders wichtig ist. Es geht um die  „Medizinische Akutversorgung nach Vergewaltigungen“. Wer Opfer einer Sexualstraftat geworden ist und noch unsicher ist, ob er diese zur Anzeige bringen möchte oder sich zunächst dazu entscheidet, sie nicht anzuzeigen, hat hier die Möglichkeit, trotz allem eine ärztliche Untersuchung in Anspruch zu nehmen. Das Hochwaldkrankenhaus in Bad Nauheim untersucht die Betroffenen kostenfrei und sichert auf Wunsch auch die Spuren der Tat. Diese werden ein Jahr lang anonym hinterlegt und können – falls später doch noch Anzeige erstattet werden soll – ausgewertet werden. Alles zum Thema gibt es auf der Internetseite: www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de. Auch bei allen anderen Straftaten, bei denen die Opfer Verletzungen davon trugen, kann ich eine Dokumentation dieser – am besten durch einen Arzt nur anraten. Egal ob gleich oder vielleicht doch erst später Anzeige erstattet wird, handelt es sich um wichtige Beweise für die Strafverfolgung.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sylvia Frech, Pressesprecherin

Hier erhalten Sie weitere nützliche Informationen rund um das Thema Häusliche Gewalt / Stalking.

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