Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
08.04.2004

Chronik der Polizei Marburg

Die Chronik der Polizei Marburg
von der Gründung im Jahre 1900 bis zur Verstaatlichung im Jahre 1972

Nach dem Übergang Kurhessens an Preußen wurde bereits gegen 1870 von der Staatsregierung das Ziel verfolgt, die Polizei in Marburg vom Staat auf die Stadt zu übertragen. Die Stadtverwaltung Marburg konnte dieses Vorhaben mit Hinweis auf die schlechte Finanzlage und der Begründung, dass eine städtische Polizei der Universität und der Garnison gegenüber nicht so unabhängig entscheiden könne wie eine staatliche Polizei, über Jahrzehnte hinweg verhindern. Mit Beginn des neuen Jahrhunderts wurde es jedoch unabwendbar. Mit königlichem Dekret an den preußischen Innenminister, datiert vom 17. März 1900,wurde verfügt:

Ich bestimme, dass die Verordnung vom 10. November 1853, soweit sie sich auf die Polizeidirektion Marburg bezieht, mit dem 01. April 1900 außer Kraft tritt und ermächtige Sie zugleich, die Ortspolizei in Marburg der dortigen Stadtgemeinde zur eigenen Verwaltung nach Maßgabe der bestehenden Vorschriften zu überlassen.
"Wilhelm, Rex"

Bis dahin hatte die staatliche Polizei ihren Sitz im alten Landratsamt. Ab 01. April 1900 bezog die kommunale Polizei, sie bestand aus einem Kommissar, neuen Serganten und einem Sekretär, Diensträume im 1. Stock des Rathauses.

So sahen die bis 1802 im Dienst befindlichen Nachtwächter aus. Heute erinnert nur noch ein Likör gleichen Namens an sie.

So sahen die bis 1902 im Dienst befindlichen Nachtwächter aus.

Heute erinnert nur noch ein Likör gleichen Namens an sie. Bis zum 01. April 1902 versahen die Nachtwächter nebenberuflich unter Aufsicht der Polizei den Nachtdienst. Ursprünglich hatte der mit Horn, Spieß und brennender Laterne ausgerüstete Nachtwächter von 10 Uhr abends bis 4 Uhr morgens jede neue Stunde mit dem Horn anzukünden. Nach dem Übergang des Kurfürstentums Hessen an Preußen erhielten die Nachtwächter anstatt eines Horns eine Pfeife. Aber auch diese Sitte fand auf betreiben der Nachtwächter ein Ende. So beklagten sie Ende 1890, durch das stündliche Pfeifen "werde das Abfangen nächtlicher Ruhestörer und sonstiger Bösewichter ganz bedeutend erschwert". Sei nämlich irgendein nächtlicher Streich geplant, so lasse man zunächst den Nachtwächter ruhig vorbeipfeifen und gehe dann ungestört an die Ausführung. Auch in den Fällen, in denen eine Entdeckung und Festnahme des Übeltäters leicht zu bewerkstelligen sei, werde das Herannahen des Wächters durch pfeifen verraten. Auch fröhliche Zecher würden die Pfeife gern missen, da Ihnen durch all zu genaue Angabe der Nachtstunden so manch vorwurfsvoller Empfang bei ihrer Heimkehr erspart bleibe.

Durch die Übernahme des Nachtdienstes und infolge Ausdehnung des Stadtgebietes - die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1902 17 000 - wurde am 01. April die Neueinstellung eines Oberwachtmeisters sowie von sieben Serganten notwendig.

Ab 1906 wurden zwei Beamte erstmals im Kriminaldienst eingesetzt. Diese mussten von zwei weiteren Kollegen unterstützt werden, als die Regierung die Einrichtung einer Wucherabteilung anordnete. Wenig später wurden auch zwei Diensthunde eingesetzt und zur gleichen Zeit das Fingerabdruckverfahren in Verbindung mit der Fotografie eingeführt. 1909 erfolgte dann die Verlegung der Polizei vom Rathaus in das Kiliansgebäude.

Während des 1. Weltkrieges wurde die Polizei in verschiedenen Funktionen durch freiwillige Bürger - Einwohnerwehr oder Stadtwehr genannt - tatkräftig unterstützt. Durch die starke Zunahme der Bautätigkeit in den zwanziger Jahren wuchsen auch die baupolizeilichen Aufgaben, die mit der Kommunalisierung als Schutzpolizeiaufgabe übernommen worden waren. 1930 verrichteten bei der Polizeidirektion Marburg bereits 25 Beamte den Außendienst, sechs den Innendienst und vier den Kriminaldienst.

Die ersten Nachkriegsmonate nach dem zweiten Weltkrieg waren gekennzeichnet durch Plünderungen, Brandstiftungen und Raubüberfälle. Durch die Besatzungstruppen bedingt blühte die Prostitution. Die Amerikaner versuchten mit der Militärpolizei für Ruhe und Sicherheit zu sorgen. Oberbürgermeister Siebecke leitete zu dieser Zeit die Geschicke der Stadt. Die zunehmende Kriminalität machte die Aufstellung eines deutschen Kommandos in Stärke von ca. 65 Mann erforderlich.

Größere Schwierigkeiten ergaben sich aus dem Umstand, dass geschultes Personal kaum vorhanden war. Von den vor dem Einmarsch der Amerikaner im Dienst befindlichen Beamten wurden bis August 1945 lediglich acht wieder eingestellt, Mitte 1946 kamen weitere vier hinzu. Die Aufgabe der Hilfspolizeibeamten bestand in erster Linie im Objektschutz. Daneben wurden Fußstreifen von vier Stunden Dauer gelaufen (zur Erlangung der Schwerarbeiterzulage). Die Uniform bestand aus einem blaugefärbten Wehrmachtsrock, einer grauen Hose mit breiten roten Streifen und einem blau - roten Schiffchen. Zusätzliches Kennzeichen: am linken Arm eine weiße Binde mit der Aufschrift "MG Police". Die Bewaffnung bestand aus einem kräftigen, langen Holzknüppel, der am Koppel getragen wurde. Später durfte im Nachtdienst der deutsche Wehrmachtskarabiner mitgeführt werden. Vom September 1945 bis April 1946 führte man eine grau - grüne Polizeiuniform mit Schirmmütze ein.

Am 01 Mai 1946 besichtigte der amerikanische Provost Marshall Singleterry die vor der Südschule in neuen - aus schwarzgefärbten Wehrmachtteilen gefertigten - Uniformen angetretene PolizeimannschaftAm 01 Mai 1946 besichtigte der amerikanische Provost Marshall Singleterry die vor der Südschule in neuen - aus schwarzgefärbten Wehrmachtteilen gefertigten - Uniformen angetretene Polizeimannschaft (siehe nebenstehendes Bild).

 

Kurze Zeit später erfolgte dann die Bewaffnung mit Trommelrevolver 38. An Dienstkraftfahrzeugen stand anfangs nur ein uralter Adler zur Verfügung. In besonderen Fällen half die MP mit Jeeps aus. Die starke Belegung mit amerikanischen Soldaten machte ohnehin gemeinsame Streifen mit der MP erforderlich. Als 1951 zusätzlich französische Soldaten stationiert wurden, setzten sich die Streifen aus je einem Amerikaner, Franzosen, Marokkaner und Deutschen zusammen und die polizeilichen Aufgaben wurden auf Amtshilfe im Wohnungs-Gesundheits-Jugend und Besatzungsamtsbereich erweitert. Hinzu kam die Bekämpfung des Schwarzhandels.

 

Als Fortbewegungsmittel war man nach wie vor auf das Fahrrad angewiesen. In 1949 erhielt die Polizeiverwaltung als Geschenk der Amerikaner den Mercedes des früheren NS-Gauleiters Streicher, 1954/55 wurden als Ersatz ein Borgward-Mannschaftswagen und ein VW- Käfer beschafft. Daneben standen ab 1950 zwei von den Amerikanern geschenkte Kräder zur Verfügung.

Hubert Krusch und Scheibe

Mittlerweile war auch der Trommelrevolver 38 durch die französische Pistole Unique ersetzt worden und statt der schwarzen Uniform wurde eine blaue getragen, anfangs mit achteckiger Mütze. 1954 führte man die bei der Landespolizei vorhandene grüne Uniform ein.

Am 10. November 1950 musste aus Raummangel die Polizeiverwaltung vom Kiliansgebäude in das Behördenhaus Deutschhausstraße 38 verlegt werden. In einem städtischen Gebäude am Marktplatz (jetziger Neubau Stadtsparkasse) blieb eine Zweigwache, die später im Rathaus untergebracht wurde. Am 27. August 1957 wurde die Funksprechanlage im Behördenhaus in Betrieb genommen. Vorerst war lediglich ein Streifenwagen mit Funksprechanlage ausgestattet.

Der Aufbau der Kriminalpolizei war von ähnlichen Schwierigkeiten begleitet. Als kommissarische Kripo-Beamte setzten die Amerikaner einen Holländer und fünf Elsässer, verstärkt durch zwei Marburger Bürger ein.

Danach wurde aus Bediensteten der Schutzpolizei allmählich die Kriminalpolizei aufgestellt, die sich Mitte der 50er Jahre aus zwölf Beamten zusammensetzte.

Die Personalsituation und die Ausrüstung auf dem technischen Sektor wurde langsam aber stetig verbessert. Neben der Beschaffung von zusätzlichen Funkstreifenwagen schlug auch die Umrüstung auf die Pistole "Walther" im Jahre 1961 und der Ankauf von Maschinenpistolen "Beretta" erheblich zu Buche. In 1970 wurde ein Verkehrsüberwachungskommando mit entsprechender technischer Ausrüstung aufgebaut.

Bei der Verstaatlichung im Jahre 1972 konnte das Land Hessen bei der Abteilung Schutzpolizei 77 Beamte und drei Angestellte, bei der Abteilung Kriminalpolizei 28 Beamte und sechs Angestellte übernehmen. Der Bestand der Funkkraftwagen war mittlerweile auf acht bzw. auf drei aufgestockt worden. Hinzu kam ein Krad BMW 250. Die Kripo verfügte zu dem Zeitpunkt über ein modern eingerichtetes Fotolabor und diverse Kameras, die Schutzpolizei über 80 m Sperrgitter und 43 Schutzhelme.

Eberhard Dersch

Quellen: Marburger Presse vom 01.04.1950 und OP vom 01.04.1970, sowie Privatarchiv Polizeikommissar i. R. Hubert Krusch, abgedruckt in der Sonderausgabe zum 40jährigen Jubiläum der GdP-Kreisgruppe Marburg (10/1992)