Arbeiten in einer fremden Kultur – Mein Leben in Mali

11.07.2016
Arbeiten in einer fremden Kultur - Mali -Crime Scene Management Trainingzoom_in

Unsere Kollegin Birgit, Kriminalbeamtin beim Polizeipräsidium Frankfurt am Main, befindet sich seit Dezember 2015 in Mali in einer Auslandsmission. Wir freuen uns sehr, dass wir euch einen kleinen Einblick in ihr dortiges Leben und ihren Dienst geben können:

"Arbeiten in einer fremden Kultur – Mein Leben in Mali"

Schon zu Beginn meiner Polizeikarriere, vor mittlerweile 21 Jahren, träumte ich davon, an einer Auslandsmission teilzunehmen. Andere Kulturen und Arbeitsweisen aus einem ganz anderen Blickwinkel kennenzulernen reizte mich. Erst hatte ich allerdings zu wenig Diensterfahrung und dann stand die Familienplanung an erster Stelle. Meinen Traum hatte ich jedoch nie aufgegeben und mich schließlich im Sommer 2013 für das Auswahlverfahren für Auslandsmissionen beworben.

Seit fünf Monaten bin ich nun Angehörige in einem Trainer Team der Friedensmission MINUSMA der Vereinten Nationen in Mali. Sie gilt derzeit als die gefährlichste UN-Mission weltweit. Das deutsche Kontingent ist hier mit 19 Polizeibeamten vertreten. Diese versehen ihren Dienst in der Hauptstadt Bamako und in den Regionen Timbuktu, Gao und Mopti. Zu meinem Team gehören 4 weitere deutsche Polizeibeamte. Wir sind der hiesigen Abteilung TOC (Transnationale organisierte Kriminalität) angegliedert und in Bamako in privaten Wohnungen / Häusern zur Miete untergebracht. Zu unseren Aufgaben gehört eine systematische Bewertung der derzeitigen Situation der malischen Strafverfolgungsbehörden und das Planen und Durchführen von spezialisierten Trainings im Bereich der Transnationalen organisierten Kriminalitaet, Terrorismusbekämpfung und Forensik. Meine derzeitigen Kernaufgaben liegen im Bereich Forensik und Internetkriminalität. Auf Nachfrage der örtlichen Kriminalpolizei “Brigade d’Investigation Judiciaires” biete ich in diesem Bereich neben einem Basiskurs auch diverse Aufbaukurse an.

Mittlerweile habe ich mich hier auch gut eingelebt, mich in die neuen Strukturen eingearbeitet und viele neue Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern kennengelernt. MINUSMA hat Mitarbeiter aus über 40 Nationen. Der Einfluß kultureller Unterschiede auf das Arbeitsleben ist sehr spannend und ich habe gelernt, dass Toleranz bei kulturspezifischen Zielsetzungen sehr wichtig ist.

Zur Zeit sind es hier 40 Grad und es geht auf die Regenzeit zu. Ich befürchte, dass sich dadurch die Anzahl der Moskitos extrem erhöht und dadurch die Gefahr einer Malaria-Infektion. Malaria gehört in Mali zu einer der Haupttodesursachen. Ich nehme zwar regelmäßig meine Prophylaxe, aber diese schützt leider auch nicht vor allen Varianten des Erregers. Das Essen bekommt mir hier mittlerweile sehr gut. Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einem kurzen Krankenhausaufenthalt, taste ich mich immer mehr in das Reich der malischen und senegalesischen Küche vor.

Die Hauptstraßen in Bamako sind zwar geteert, doch bei den Nebenstraßen wird man kräftig durchgeschüttelt und ich bin froh, dass wir einen Nissan 4x4 fahren. Mittlerweile hatten wir bereits zwei Reifenpannen. Auch das Verkehrsverhalten ist komplett anders als bei uns. Ampeln und Verkehrsschilder haben hier einen eher hinweisenden Charakter. Obwohl es so aussieht, als herrsche hier völliges Verkehrschaos, sehe ich aber kaum schwerere Unfälle. Allerdings gibt es auch kein Fahrzeug, das nicht ramponiert ist. Ein beliebtes Auto bei der Bevölkerung ist übrigens der Mercedes (fast alle sehr alt und mit astronomischer Laufleistung). Die meisten Fahrzuge hätten bei uns sicherlich die Hauptuntersuchung nicht überstanden. Sehr verwunderlich ist es dann, wenn plötzlich inmitten dieser lädierten Autos ein Porsche Cayenne auftaucht. Das zeigt dann wieder sehr deutlich, wie groß hier die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist.

 

Das Leben in Bamako spielt sich hauptsächlich auf der Straße ab. Die Leute haben kleine Stände und bieten alles Mögliche zum Verkauf an. Das beginnt bei Ziervögeln, Ziegen, Obst und Gemüse und endet bei Toilettenschüsseln und Möbeln. Auffällig ist, dass bestimmte Artikel in bestimmten Straßenzügen zu kaufen sind: in einer Straße sitzen die Mechaniker vor ihren Mopeds, in der anderen Straße gibt es alle möglichen Formen von Insektiziden, dann gibt's es eine Straße, an der der Tiermarkt liegt etc. Den Tiermarkt sollte man, wenn man sehr mitfühlend ist, besser nicht besuchen. Sagen wir es mal so, der Tierschutz ist ausbaufähig. In den Straßen liegt generell sehr viel Müll, vor allem viele schwarze Plastiktüten. Dieser wird dann teilweise von den Anwohnern zusammengefegt und abends am Strassenrand verbrannt. Rauchwolken über Bamako sind also nichts ungewöhnliches. Dementsprechend schlecht ist hier auch die Luft.

Die meisten Einheimischen sind sehr freundlich gegenüber dem UN-Personal und man fühlt sich willkommen. Insbesondere wir Deutsche sind sehr angesehen, da wir das erste Land waren, das Mali nach seiner Unabhängigkeitserklärung von der einstigen Kolonialmacht Frankreich 1960 anerkannt hat.

In Bamako gibt es viele junge Leute und vor allem fallen mir die Frauen mit ihren vielen Kindern auf. Von Kinder-Gruppen werden wir auch immer wieder angebettelt, wenn wir mit unserem Auto unterwegs sind, die Jüngsten vielleicht gerade mal 5 Jahre alt. Automatisch denke ich dann immer sofort an meine Tochter und bin dankbar, wie gut es uns geht. Nicht, dass mir das vorher nicht bewusst war, aber wenn man direkt mit der Armut konfrontiert wird, ist man sich seiner eigenen Situation noch viel bewusster. Trotz dieser Armut sieht man aber auch viele lachende und zufrieden wirkende Gesichter. Ein Bild, welches ich in Deutschland vermissen werde.

Ich würde gerne noch viel mehr von den einheimischen Traditionen und Lebensgewohnheiten mitbekommen, aber leider ist das aufgrund der verschärften Sicherheitslage und der damit einhergehenden Sicherheitsmaßnahmen nicht möglich. Seit dem Anschlag auf das Restaurant “La Terrasse” und der Geiselnahme im Hotel Radisson Blue letzten Jahres, den Angriff auf das Missionshauptquartier der EUTM am 21.03.2016 kommt es auch hier in Bamako immer wieder zu Anschlagswarnungen.

Insgesamt bin ich aber, trotz der Sicherheitslage und der gesundheitlichen Gefährdung, sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen darf.

Viele Grüße nach Deutschland!"

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