Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
28.07.2016

Unfälle auf der Autobahn -

eine Herausforderung für alle Beteiligten

Logo Autobahn-Nr in Mittelhessen - PolizeisternAutobahnen bergen ein hohes Gefahrenpotential für alle, die sich außerhalb ihres Kraftfahrzeuges auf diesen aufhalten. Eine Strecke von rund 190 Kilometern Autobahn betreuen die Kolleginnen und Kollegen der Polizeiautobahnstation Mittelhessen. Zu den unterschiedlichsten Unfällen auf dieser Strecke werden sie tagtäglich gerufen. Rund 18.000 Unfälle in den letzten 7 Jahren haben sie aufgenommen – und einiges dabei erlebt.

 

Da die Sicherheit aller Beteiligten auf der Autobahn in besonderem Maße im Fokus steht, wollten wir von den Kolleginnen und Kollegen wissen, was sie Verkehrsteilnehmern raten können, wenn es passiert ist: Ein Unfall auf der Autobahn.

   
Wir haben uns mit Polizeioberkommissar Henry Grambauer von der Polizeiautobahnstation in Butzbach unterhalten. Mal nimmt der die Anrufe der Unfallbeteiligten auf der Wache der Polizeiautobahnstation entgegen, mal ist er auf der „Bahn“ unterwegs und macht seine Erfahrungen.

Polizeioberkommissar Henry Grambauer von der Polizeiautobahnstation Mittelhessen in Butzbach


"Henry, was ist deine erste Frage, wenn du einen Anruf entgegen nimmst und dir jemand von einem Unfall berichtet?"

"Das wichtigste für mich ist es herauszufinden, wo sich der Unfall ereignet hat. Nur so kann ich die Streife und möglicherweise andere Hilfskräfte schnell zur richtigen Stelle schicken.

Leider müssen meine Kollegen und ich immer wieder feststellen, dass die Verkehrsteilnehmer gar nicht so genau wissen, wo sie sich gerade befinden. Antworten wie:

  • Autobahn Verkehrszeichen„50 Kilometer vor Frankfurt,
  • irgendwo hinter Kassel,
  • ich bin von Dortmund losgefahren in Richtung München,
  • ich glaube bei Gießen,
  • irgendwo kurz hinter einer Auffahrt auf der A45“,

helfen uns dabei wenig weiter. Es gäbe zu viele Möglichkeiten, an denen wir suchen müssten und es würde zu viel Zeit kosten, bis möglicherweise verletzte Personen versorgt werden könnten."

"Nun sieht man auf der Autobahn ja tatsächlich oft nicht die nächste Ortschaft oder andere markante Anhaltspunkte, an denen man seinen Standpunkt beschreiben könnte. Was können Verkehrsteilnehmer tun, um sich zu orientieren?"

"Grundsätzlich sollte jeder die Nummer der Autobahn wissen, auf der er sich gerade bewegt. Darüber hinaus stehen entlang der Autobahn im Abstand von 500 Metern rechts neben der Fahrbahn kleine rechteckige blaue Schilder. Die weißen Zahlen auf ihnen sind Kilometerangaben. Sie sind die beste Möglichkeit für uns als Polizei, den genauen Standort des Anrufers zu bestimmen. Im Bereich von Baustellen und auch in anderen Bereichen sind die blauen Schilder sogar im Abstand von nur 100 Metern durch weiße Schilder ergänzt. „Sie befinden sich bei km…“ steht auf ihnen."

Blaues Standort-Schild auf der Autobahn: km 484,5  Blaues u. weißes Standort-Schild auf der Autobahn: Ihr Standort A5 km 468,5 Richtung Kassel  weißes Standort-Schild auf der Autobahn: Ihr Standort A5 km 465,8 Richtung Kassel

"Welche weiteren Informationen sind für dich notwendig, wenn du eine Unfallmeldung am Telefon entgegennimmst?"

"Ich erfrage beispielsweise wie viele Fahrzeuge beteiligt sind, ob es Verletze gibt, auf welchem Fahrstreifen sich die Unfallstelle befindet und ob die Fahrzeuge noch fahrbereit sind. Darauf kann ich dann meine weiteren Maßnahmen aufbauen, also zum Beispiel den Rettungsdienst oder die Feuerwehr verständigen, die Verkehrszentrale bitten, die Geschwindigkeit an einer bestimmten Stelle der Autobahn zu reduzieren oder bestimmte Fahrstreifen mit Anzeigetafeln zu sperren. Auf diese Weise lässt sich schnell Hilfe für die Unfallbeteiligten schaffen."

"Kannst du uns erklären, warum es für dich auf der Wache von Interesse ist, ob die Fahrzeuge noch fahrbereit sind?"

"Schon in der Fahrschule hat jeder gelernt, dass bei geringfügigem Schaden Unfallstellen unverzüglich zu räumen sind. Der §34 der Straßenverkehrsordnung regelt dies. Dieser Regelung kommt auf der Autobahn eine ganz besondere Bedeutung zu.

  • Ein Beispiel: Erst vor kurzem wurden wir zu einem Unfall auf der A 5 bei Butzbach gerufen. Die beiden beteiligten Autofahrer standen mit ihren Fahrzeugen noch bei unserem Eintreffen auf der linken Spur, was zu deutlichen Behinderungen und Rückstau auf der Autobahn führte. Der Grund ihres Wartens kann wirklich nur als eine Lappalie bezeichnet werden: An einem Fahrzeug war überhaupt kein Schaden und am anderen belief er sich auf etwa 30 Euro, weil die Kennzeichhalterung etwas beschädigt wurde.

Die beiden Verkehrsteilnehmer hatten sich selbst der Gefahr ausgesetzt auf der dreispurigen Autobahn auf der linken Spur mitten im Verkehr zu stehen. Außerdem haben sie ihre Mitmenschen in Gefahr gebracht, die mit einem Hindernis auf der linken Spur nicht rechnen konnten. Wie schnell hätten andere in die beiden PKW krachen können!"

"Ok, das leuchtet ein. Was hätten die beiden Autofahrer besser machen können?"

"Egal wie klein oder groß der Sachschaden ist, man sollte es in jedem Fall vermeiden, mitten auf den Fahrspuren stehen zu bleiben. Lässt sich das Fahrzeug noch irgendwie weiterbewegen, dann sollten die Warnblinker eingeschaltet und das Fahrzeug vorsichtig ganz an den Rand des Seitenstreifens gefahren werden. Ist ein Parkplatz oder eine Nothaltebucht in der Nähe, dann macht es Sinn bis dorthin weiter zu fahren, um möglichst aus dem fließenden Verkehr heraus zu sein.

Ankündigungsschild auf der Autobahn: Nothaltebucht in 600 m   Ankündigungsschild auf der Autobahn: Nothaltebucht und Pfeil zur Nothaltebucht

Übrigens unterschätzen Viele, mit welchen Schäden Autos noch fahrbereit sind. Selbst mit stark verformter Front, einem platten Reifen oder einer verzogenen Karossie lassen sich Fahrzeuge oft noch bis auf den Standstreifen buxieren – über ein Quietschen und Knarzen dabei darf man sich natürlich nicht wundern."

"Wenn mein Fahrzeug nun auf dem Standstreifen steht oder es auf der Fahrbahn stehen bleiben musste, weil es sich dann doch so gar nicht mehr weiterbewegen ließ, was muss ich dann tun?"

  • Wer nicht zu stark verletzt ist und sich noch selbständig bewegen kann, der sollte sofort seine Warnweste anziehen. Diese ist bestenfalls direkt in Griffweite im Fahrzeug platziert. Auch wenn es nicht vorgeschrieben ist, so macht es Sinn, dass für alle Fahrzeuginsassen eine Weste zur Verfügung steht.
        
  • Anschließend gilt es das Fahrzeug – unter Beachtung des nachfolgenden Verkehrs – zu verlassen und sich am Fahrbahnrand in Sicherheit zu bringen. Am sichersten ist man hinter der nächstgelegenen Leitplanke.
      
  • Dabei sollte man das Warndreieck aus dem Fahrzeug mitnehmen, welches nun gut sichtbar im Abstand von etwa 100 Metern hinter dem Fahrzeug aufzustellen ist. Befindet sich das Hindernis hinter einer Kurve oder die Sicht ist aufgrund von Regen oder Nebel schlecht, dann dürfen es auch gerne ein paar Meter mehr sein.
         
  • Hat man sich dann mit möglichen anderen Unfallbeteiligten verständigt und sich auch einen ersten Eindruck davon gemacht, ob es Verletzte gibt, dann kann muss man die Entscheidung treffen, ob Rettungsdienst oder Polizei erforderlich sind. Wird dies bejaht, können sich die Beteiligten mit der Polizei über den Notruf 110 und mit dem Rettungsdienst über den Notruf 112 in Verbindung setzen.
          
  • Bis die Einsatzkräfte eingetroffen sind und die Sicherung der Unfallstelle übernehmen, sollten sich alle Beteiligten so weit wie möglich weg von der Fahrbahn und dem fließenden Verkehr aufhalten.

Ich möchte noch ein Beispiel anbringen, warum es wichtig ist, sich mit den anderen Beteiligten eines Unfalls abzusprechen.

  • Mich rief vor kurzem ein Unfallbeteiligter an und bat um die Unfallaufnahme durch die Polizei. Als ich ihn nach dem Unfallhergang fragte, gab er an, dass der andere Unfallbeteiligte nicht aus seinem Fahrzeug ausgestiegen sei. Ich bat ihn, zu dem anderen Beteiligten zu gehen, woraufhin er den Grund feststellte, warum er nicht zu ihm kam. Der Fahrer war in seinem Fahrzeug eingeklemmt und konnte gar nicht aussteigen!"

"Ist es eigentlich erforderlich, dass die Polizei jeden Unfall aufnimmt, der auf der Autobahn passiert?"

"Nein, die Unfallbeteiligten haben immer die Möglichkeit, die erforderlichen Daten für die Schadensregulierung selbst auszutauschen und alles notwendige über ihre Versicherungen in die Wege zu leiten, ohne die Polizei zu verständigen.

Wird die Polizei allerdings verständigt, so kommt sie natürlich um den Unfall aufzunehmen.

Wer sich also vor Ort einigen kann, der tauscht Personalien aus, macht vielleicht noch ein paar Bilder mit dem Smartphone und es wird keine Polizei benötigt. Gibt es keine Einigung oder sind Menschen verletzt worden, dann macht es immer Sinn die Polizei zu verständigen!

In diesem Zusammenhang hören wir oft von Unfallbeteiligten, dass der Chef dies so wünsche oder der Mietwagenverleiher. Dem liegt oft der Irrglaube zu Grunde, dass die Polizei die Schuldfrage klärt und alle Maßnahmen nach einem Unfall für die Betroffenen in die Wege leitet.

Wenn wir an die Unfallstelle kommen und die Beteiligten fragen, ob sie schon die Personalien ausgetauscht haben, dann kommt oft ein verdutztes „Wir dachten die Polizei kümmert sich um alles“. Die Polizei nimmt den Sachverhalt so auf, wie er sich vor Ort darstellt, erklärt aber niemanden für schuldig und hat auch mit der Schadensregulierung nichts zu tun. Unfallbeteiligte müssen selbstständig ihre Daten untereinander austauschen und ihren Versicherungen den Unfall melden."

Notruf 110 der Polizei   Notruf 112: Notrufzentrale/Rettungsleitstelle für Rettungsdienst oder Feuerwehr

Infos dazu gibt es auch hier: Was Tun nach einem Unfall?

"Jetzt haben wir viel dazu gelernt, was es auf der Autobahn bei einem Unfall zu beachten gibt. Was mache ich denn eigentlich, wenn ich einen Unfall beobachte oder hinzukomme?"

"Als Zeuge eines Unfalls fahre ich am besten am nächsten Parkplatz raus oder auf den Standstreifen hinter der Unfallstelle und melde mich bei der Polizei. Ist der Unfall dort bereits bekannt, dann werden ggf. noch die Daten des Zeugen aufgenommen und dann kann er seine Fahrt fortsetzen. Anders sieht es aus, wenn es Verletzte geben könnte. Auch dann sollte der Helfer deutlich hinter der Unfallstelle auf dem Standstreifen anhalten, mit Warnweste an zunächst die Unfallstelle absichern, den Notruf absetzen und dann wenn erforderlich Erste Hilfe leisten.

Dabei nie vergessen: Wer selbst zum Unfallopfer wird, der kann nicht mehr helfen. Die eigene Sicherheit geht also immer vor."

"Henry, du möchtest noch etwas Wichtiges zum Thema Unfälle loswerden?"

"Unser Ziel als Polizei ist es nicht nur, dass niemand nach einem Unfall mehr zu Schaden kommt, als bereits durch den Unfall geschehen, sondern auch den Verkehrsfluss so schnell wie möglich wieder herzustellen. Wir tun unser Möglichstes, damit dies gelingt und stundenlange Staus und Behinderungen auf der Autobahn vermieden werden können. Jeder Verkehrsteilnehmer kann dazu etwas beitragen.

Wir und auch die anderen Kräfte müssen schnellstmöglich zur Unfallstelle durchkommen. Die Einhaltung der Rettungsgasse ist dabei unverzichtbar. Kreuz und quer auf der Fahrbahn stehende Fahrzeuge, geöffnete Türen oder gar Personen auf der Fahrbahn behindern uns erheblich.

Banner Rettungsgasse über der Autobahn

Auch bei stockendem Verkehr oder Stau sollten die Verkehrsteilnehmer im Auto bleiben und nicht, wie wir es auch erleben, zu uns an die Unfallstelle gelaufen kommen, um zu fragen wie lange es noch dauert. Manchmal sind alle Fahrzeuge abgeschleppt und wir schon wieder unterwegs, da kommt der Verkehr noch lange nicht wieder in Gang, weil sich einige von ihren Autos entfernt haben."

Infos dazu gibt es auch hier: Damit schnelle Hilfe auch ankommt
Hier finden Sie den Flyer "Rettungsgasse" zum Download

"Das waren jede Menge wichtige Informationen. Vielen Dank Henry Grambauer für das Gespräch!"

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