Polizeifahrzeuge vor dem Polizeipräsidium Frankfurt am Main
 
23.11.2018 | Polizeipräsidium Frankfurt Main

Pilotprojekt Gefahrensensibilisierung für Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen

Informationen zum Start des Grundmoduls

 

Banner Pilotprojekt Gefahrensensibilisierung für Schüler - Teil 2

Teil 2:

Darstellung des Grundmoduls zur Gefahrensensibilisierung am Beispiel der Ludwig-Börne-Schule

Gefahrensituation

Wie sich die Bilder gleichen:

Zwei schwere Verkehrsunfälle im Januar und Mai 2017 im unmittelbaren Nahbereich einer innerstädtischen Haupt- und Realschule hatten im vergangenen Jahr zur Folge, die Unfallsituation von Jugendlichen im Stadtgebiet Frankfurt am Main näher zu betrachten – das war rückblickend der Startschuss für das Pilotprojekt der „Gefahrensensibilisierung von Schülerinnen und Schülern weiterführender Schulen vor Risiken und Gefahren im Straßenverkehr und auf dem Schulweg“.

Die Ludwig-Börne-Schule befindet sich in der Lange Straße und somit am östlichen Rand des Stadtzentrums zwischen Zeil, Allerheiligentor und dem Grünanlagenring. Die Lange Straße selbst ist eine Einbahnstraße mit drei Richtungsfahrbahnen und gehört zu einer der am meist befahrenen Nord-/Südverbindungen der Frankfurter Innenstadt – und ist somit als Standort für eine weiterführende Schule mit etwa 360 Schülerinnen und Schülern eher ungünstig gelegen.

Die überwiegende Anzahl der SchülerInnen stammt aus dem gesamten Stadtgebiet Frankfurts und erreicht die Ludwig-Börne-Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Um das Pilotprojekt im Oktober des laufenden Schuljahres in geeigneter Form beginnen zu können, wurden die 61 Schülerinnen und Schüler der 3 Klassen aus der Jahrgangsstufe 8 im Vorfeld hinsichtlich ihres Schulwegs befragt[1].

Die erzielten Ergebnisse dienten dabei zur inhaltlichen Vorbereitung des Projektes und insbesondere zu einem Abgleich zwischen dem subjektiven Sicherheitsgefühl der SchülerInnen und der polizeibekannten Unfalllage (nähere Informationen siehe Kasten).

 

Schülerfragebogen zu Projektbeginn

Bei der Befragung ergab sich beispielsweise, dass von 61 SchülerInnen

  • 36 mit dem ÖPNV - 15 mit variierenden Verkehrsmitteln
       
  • 12 zu Fuß - 1 mit dem Fahrrad

zur Schule kommen.

Die überwiegende Anzahl der Jugendlichen fühlt sich auf dem Schulweg „sehr sicher“ (15) oder „sicher“ (26), 13 SchülerInnen fühlen sich „teilweise sicher“ und immerhin ein Schüler fühlte sich konkret „unsicher“.

7 SchülerInnen waren in dem Zeitraum, seit sie sich auf der weiterführenden Schule befinden, selbst bereits einmal an einem Verkehrsunfall beteiligt. Einer dieser Unfälle fand auf dem Schulweg statt. 4 der Verkehrsunfälle wurden polizeilich aufgenommen. 5 der SchülerInnen gaben an, ihr eigenes Verhalten im Nachgang der erlittenen Verkehrsunfälle, z.B. durch konsequenteres Beachten der Rotlichtphasen an Fußgängerampeln, verändert zu haben.

3 der befragten SchülerInnen teilten in der Befragung mit, dass sie sich konkret im Bereich der Lange Straße (dem Ort, an dem die Mitschüler verunfallten) unsicher fühlen.

 

Inhaltlicher Aufbau und Ziele des Grundmoduls

Das Grundmodul der „Gefahrensensibilisierung“ stellt praktisch den Einstieg und den weiteren Sockel für das Gesamtprojekt dar.

Beim Einstieg ins Thema spielen die ausgewerteten Befragungsergebnisse und die Erörterung eigener Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler eine besondere Rolle. Bei der Auswertung der Fragebögen und dem Vergleich mit der polizeilichen Unfallstatistik wurde zudem deutlich, wie hilfreich es auch im Bereich der Verkehrssicherheitsarbeit ist, das Hellfeld polizeilicher Statistiken durch geeignete Befragungen von betroffenen Personen zu ergänzen, um einen umfassenden Einblick zur Unfalllage zu erhalten.

Aufbau und Ziele des Grundmoduls

Abbildung 1: Ergebnisse der Gruppenarbeiten beim Einstieg ins Thema

Schnell wurde erkennbar, wie häufig und unmittelbar die Jugendlichen unfallträchtige Situationen auf dem eigenen Schulweg registrieren, wie schwierig es jedoch ist, das eigene Verhalten darauf auszurichten. In der Folge sollten sich die Schüler deshalb einen Einblick in die praktische Polizeiarbeit bei der Analyse des Unfallgeschenes erarbeiten. Anhand der (anonymisierten) Unfalldaten des unmittelbaren Umfeldes ihrer eigenen Schule nahmen die Jugendlichen in mehreren Schritten eine Bewertung hinsichtlich des Verkehrsunfallorts, der Unfallzeit und der resultierende Unfallfolgen vor.

Dabei konnten Sie erkennen, wie risikobehaftet der eigene Schulweg sein kann, zu welchen Zeiten sich Verkehrsunfälle am häufigsten ereignen und dass sich beim Konflikt zwischen Fußgängern/Radfahrenden mit Kraftfahrzeugen immer wiederkehrende Verletzungsfolgen und Unfallschäden feststellen lassen.

Schulwegplan

Abbildung 2: Individueller Schulwegplan der Klasse 8c mit der farbigen Darstellung der Verkehrsteilnahmearten und den vor Ort registrierten Verkehrsunfällen von (grüner Punkt) Fußgängern und (blauer Punkt) Radfahrenden auf der Basis einer 3-Jahresauswertung

Unfälle im Tagesverlauf

Abbildung 3: Übersicht der Unfallzeiten im Tagesverlauf

 

Durch die Nutzung der anonymisierten polizeilichen Unterlagen und bei der direkten Beschäftigung mit dem eigenen Umfeld entstanden bei den SchülerInnen sowohl ein persönlicher Bezug, als auch eine besondere Authentizität. Beides trug dazu bei, die Jugendlichen für die Themen der Verkehrssicherheit zu interessieren, ohne den Eindruck zu vermitteln, sie seitens der Polizei mit dem „erhobenen Zeigefinger“ reglementieren zu wollen.

Besonders wertvolle Unterstützung bei der Gestaltung des Grundmoduls erhält die Frankfurter Polizei hierbei durch das Fraunhofer Institut IVI aus Dresden. Die dort angesiedelte Unfallforschung beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit der innovativen Herangehensweise, Kinder und Jugendliche auf der Basis von echten Unfalldaten mit realen Unfallszenarien zu konfrontieren und erhielt dafür 2017 den Deutschen Mobilitätspreis des Bundesministeriums für Verkehr[2].

 

Unfallfolgen

Abbildung 4: Korrespondierende Unfallfolgen beim Zusammenstoß zwischen Fußgänger und Pkw

 

Im nächsten Schritt vollzogen SchülerInnen, LehrerInnen und Polizei einen gemeinsamen Perspektivwechsel. Im Fall der Ludwig-Börne-Schule konnte den Schülerinnen und Schülern ein völlig unspektakuläres Video den Eindruck vermitteln, der sich aus der Sicht eines Kfz-Führers ergibt, wenn er sich bei der vorgeschriebenen Geschwindigkeit von 50 km/h über die Seilerstraße den ehemaligen Unfallstellen in Höhe der Schule nähert (siehe Abb. 5).

Perspektivwechsel

Abbildung 5: Perspektivwechsel der Unfallbeteiligten anhand einer nachgestellten Szene am Unfallort

 

Die Betrachtung der jeweiligen Sichtachsen führte bei den SchülerInnen im Rahmen der gemeinsamen Erörterung sehr schnell zu der (Selbst-)Erkenntnis, dass die Überquerung der Lange Straße hinter der farbig markierten Gebäudekante durch die resultierende Sichtbehinderung besonders gefahrenträchtig ist und die Überquerung der Straße im Bereich der jeweiligen Fußgängerampeln deshalb einen echten Sicherheitsgewinn bedeutet.

Einer ausdrücklichen polizeilichen Überzeugungsarbeit bedurfte es hierzu nicht.

In der abschließenden Betrachtung hatten die Veranstaltungstage an der Ludwig-Börne-Schule der überwiegenden Mehrheit der Schülerinnen und Schülern nicht nur gefallen, sondern eine Vielzahl der Jugendlichen konnte am Ende des Tages konkrete Situationen benennen, in denen sie sich künftig anders und verkehrssicherer verhalten wollen. Das Ziel, bei den Schülerinnen und Schülern den Blick für unfallträchtige Situationen und Örtlichkeiten zu schärfen, scheint somit vorerst erreicht.

Im Ergebnis wird es darauf ankommen, dass die Jugendlichen ihr eigenes Verhalten im Schulalltag reflektieren. Um die angestrebte Nachhaltigkeit des Projekts zu erzielen, setzt die polizeiliche Verkehrserziehung sowohl auf die wiederkehrende Thematisierung der Inhalte im Rahmen der Folgemodule des Projekts, als auch auf die weitere inhaltliche Begleitung seitens der Lehrkräfte.

Dass aber auch die polizeilichen Verkehrserzieher vom Austausch mit den Schülerinnen und Schülern und dem lokal ausgerichteten Einblick in die Unfalllage der Schulstandorte profitieren, zeigt beispielsweise die Tatsache, dass der vorbereitete Zeitstrahl (siehe Abb. 3) nicht auf die überraschend hohe Anzahl von Verkehrsunfällen mit Fußgängern und Radfahrenden im Zeitraum von 00:00 – 04:00 Uhr ausgelegt war[3]. Eine Erkenntnis, die wir z.B. auch gerne an unsere Kontrollkräfte im Bereich der Verkehrsüberwachung weitergeben werden.

Polizei Frankfurt a.M. - Für Eure Sicherheit im Straßenverkehr.

 

 

Banner Verkehrserziehung (D 630)

 

 


[1] Die Befragung wurde anonym und mit Zustimmung der Schulleitung und der Erziehungsberechtigten durchgeführt

[2] Nähere Informationen zum Projekt FAPS finden Sie hier: https://deutscher-mobilitaetspreis.de/preistraeger/best-practice-2017/faps

[3] Üblicherweise konzentriert sich die Summe der Verkehrsunfälle in Frankfurt am Main an den Zeiten des Berufsverkehrs zwischen 07:00 – 10:00 h, gg. 13:00 h und zwischen 15:00 – 19:00 Uhr