Bildcollage des Technikpräsidiums der hessischen Polizei
 
18.03.2015

Neues Konzept für Spezialfahrzeuge – Beispiel: Tatortfahrzeuge

Die hessische Polizei betreibt eine umfangreiche und vielseitige Fahrzeugflotte, um verschiedene Einsatzszenarien bewältigen zu können. In erster Linie fallen dazu natürlich die klassischen Streifenfahrzeuge ein – diese werden in der Regel standardisiert und aus einer Hand in höherer Stückzahl beschafft. Dennoch verfügen wir über einige Fahrzeugkategorien, die in deutlich kleinerer Stückzahl für bestimmte Funktionen beschafft werden müssen. Diese Fahrzeuge weisen ein so spezielles Einsatzprofil auf, dass sie damit nicht mehr massenmarkttauglich sind. Für diese müssen also andere Lösungen gefunden werden, wie unser neues Konzept zur Beschaffung von Spezialfahrzeugen Ihnen aufzeigen wird.

 

Außenansicht des Mercedes-Benz Vito

 

Das neue Konzept für die Spezialfahrzeuge

Bis 2008 wurden die Spezialfahrzeuge der hessischen Polizei überwiegend als Einzelfahrzeuge unterschiedlicher Hersteller und oft als Einzelausbau per Hand angefertigt. Mit sehr unterschiedlichen, auch beim PTLV teilweise kontrovers bewerteten Ergebnissen, auch was die hier erforderliche Langlebigkeit (Einsatzzyklus von über 10 Jahren) angeht. Seit 2008 wird vom LPP und PTLV deshalb eine einheitliche, mit entsprechenden fachlichen wie technischen Standards und langlebiger Qualität versehene Konzeption verfolgt, die damit auch wirtschaftlicher ist. Dazu müssen die Bedarfe in Arbeitsgruppen qualifiziert mit den Nutzern erhoben und die Standards für die jeweiligen taktischen Einsatzzwecke festgelegt werden, die für alle Nutzer landesweit gleich gelten sollen. Wesentliche Voraussetzungen sind dabei:

  • fachliche Anforderungen
  • technische Anforderungen
  • Anforderungen des Arbeitsschutzes
  • Gesetzliche Vorschriften, Normen und EU-Vorgaben
  • Nachhaltige, standardisierte Qualität für einen mindestens 10-jährigen Einsatz
  • vergaberechtliche Vorgaben
  • Marktgegebenheiten
  • gegenseitige Kompatibilität
  • Wirtschaftlichkeitsvorgaben (Lebenslaufkosten)

 

Am Beispiel der Tatortfahrzeuge

Es liegt auf der Hand: Eine hohe Anzahl an Einzelkriterien (die durchaus im Widerspruch zueinander stehen können) kombiniert mit verschiedenen Interessen und Meinungen, führen bei jeder Beschaffung zur bekanntlich schwierigen Quadratur des Kreises. In aller Regel müssen im Fahrzeugausbau technische Kompromisse eingegangen werden – die Kunst besteht für uns darin, möglichst allen Anforderungen so weit gerecht zu werden, wie es der Markt und die Technik realisierbar machen lassen. Am Beispiel der neuen Tatortfahrzeuge gestaltet sich eine Fahrzeugbeschaffung typischerweise in folgenden Schritten:

  • Bedarfserhebung mit den Nutzern, Beteiligten und Verantwortungsträgern
  • Festlegung der für den taktischen Zweck maßgeblichen Ausstattungsmerkmale (Standards) durch eine entsprechende Fachgruppe, deren repräsentative Teilnehmer die Anforderungen der Polizeibehörden einbringen
  • Nach dem Festlegen der Standards (Schlüsselzahl) und der Beteiligung von Arbeitssicherheit und Experten erfolgt die Zustimmung durch das LPP (nach Abstimmung mit dem Hauptpersonalrat)
  • Erst dann fließen diese Vorgaben im PTLV in die technische Leistungsbeschreibung ein, die in eine produktneutralen Ausschreibung (ggf. auch als Rahmenvertrag) mündet

Das heißt für die Arbeit des PTLV: Prinzipiell kann immer nur technisch das umgesetzt werden, was letztlich als gemeinsamer Konsens definiert und als taktischer Standard freigegeben worden ist. Bei der Beschaffung der neuen Tatortfahrzeuge sind wir konsequent nach diesem Verfahren vorgegangen. Das Ergebnis war eine Aufteilung der Kategorie „Tatortfahrzeuge“ in folgende vier Untergruppen:

  • Tatortfahrzeug klein (z. B. VW T 5 oder Mercedes-Benz Vito)
  • Tatortfahrzeug groß (z. B. Mercedes-Benz Sprinter – mit Leiter)
  • Brandermittlerfahrzeuge
  • Umweltfahrzeuge

 

Exemplarisch ein typischer Zielkonflikt

Laut Vorgabe musste der Tatortkraftwagen (klein) – entsprechend den Standardisierungs- bzw. Wirtschaftlichkeitsvorgaben – einerseits über einen Allradantrieb verfügen, da so auf die Beschaffung einer zusätzlichen kostenintensiven Geländefahrzeugkategorie in diesem Segment verzichtet werden konnte. Andererseits musste das Fahrzeug auch tiefgaragentauglich sein.

Diese Anforderung hat natürlich ihren Preis: Weil die Ausstattungskombination Allradantrieb und Hochdach aufgrund werkseitiger technischer Anforderungen des Autobauers nicht realisiert werden konnte – und Fahrzeuge mit Hochdach auch nicht tiefgaragentauglich sind – musste auf die Hochdachausführung zugunsten des Allradantriebes und der Tiefgaragentauglichkeit verzichtet werden. Es ist klar: Dadurch konnte leider nicht für alle Nutzer im Fahrzeug eine entsprechend optimale Kopf- bzw. Arbeitshöhe verwirklicht werden. Hinzu kam, dass dann einzelne spezielle Technik, wie eine bereits vorhandene und liebgewonnene Leiter im kleinen Tatortfahrzeug so nicht mehr unterzubringen war.

 

Nachträgliche Ausbauten am Beispiel der Brandermittlungsfahrzeuge

Hochwertige Neufahrzeuge in diesem Einsatzsegment für sind für langfristige Nutzungen ausgelegt und dementsprechend professionell auszubauen – das ist Grundlage unserer Strategie. So wäre es ideal, wenn wir bei einem Hersteller insgesamt auch Spezialfahrzeuge mit entsprechendem Vollausbau aus einer Hand bestellen könnten. Die Realität ist eine andere: Wie eingangs bereits angedeutet, sind die dann für die Hersteller nur sehr kleinen Stückzahlen so leider nicht marktfähig, bzw. wirtschaftlich herstellbar. Auf eine entsprechende Ausschreibung würde erfahrungsgemäß kein Fahrzeugfabrikant überhaupt ein wirtschaftliches Angebot machen. Somit bleibt hier als praktikabelste Lösung, mit den Herstellern, nach entsprechender Ausschreibung, wirtschaftliche Rahmenverträge für die Grundfahrzeuge (als Plattform) abzuschließen. Nach Lieferung der Basisfahrzeuge werden dann, soweit die Arbeiten auszulagern sind, wiederum nach entsprechenden Ausschreibungen die jeweiligen Sonderausstattungen und -ausbauten von Spezialfirmen verfolgt.

Als Beispiel hierfür die Ausbauten an den Brandermittlungsfahrzeugen, die für die genaue Aufklärung von Ursachen und Rahmenbedingungen bei Bränden eingesetzt werden. Die Ausbaufirma, hier Exzerpte aus ihrer Produktbeschreibung, rüstet für uns das vom Hersteller gelieferte Fahrzeug mit einer polizeispezifischen Funkanlage aus. Hierfür baut sie eine betriebsfertige Funkanlage mit Tarnantenne, Funkentstörung und einen Lautsprecher sowie eine Freisprechanlage für das Telefon ein. Die Kommunikation wird über TETRA-Digitalfunk, dem gegenwärtigen Standard für digitalen Bündelfunk, gewährleistet. Im Einsatz kann die Position des Fahrzeugs über ein nachträglich eingebautes GPS-System stets zuverlässig bestimmt werden. Der Strom wird im Fahrzeug über sieben 230-Volt-Steckdosen bezogen. Ferner gehört ein Spannungswandler für die Nutzung von Laptops zu Zusatzausstattung. Im Einsatzfall kann die Sondersignalanlage mittels einer Magnetbefestigung sehr schnell und problemlos auf dem Dach befestigt werden. Personen werden im Vorderteil des Laderaums in einem extra hierfür vorgesehen Bereich befördert. Sie finden dort einen mobilen Arbeitsplatz vor – dieser setzt sich zusammen aus einem Einzelsitz, einem klappbaren Tisch sowie einer Fahrzeugeinrichtung mit Schubladen und Ablagemöglichkeiten. Ermittler können am mobilen Arbeitsplatz das Internet nutzen, Informationen über Funk abfragen, Protokolle und Zeugenaussagen erfassen.

Im Gegenzug dazu bilden zwei ausziehbare Einbaublöcke mit zahlreichen integrierten Schubladen und Ablageflächen das Herzstück des hinteren Teils des Laderaums. Hier wird die notwendige kriminaltechnische Ausstattung transportiert. Dank stabiler Schwerlastauszüge ist es kein Problem, sie sowohl zu verstauen, als auch wieder auszupacken. Eine LED-Beleuchtung sorgt für ausreichendes Licht bei Dunkelheit, das gut durchdachte Be- und Entlüftungssystem verhindert, dass sich starke Gerüche bilden – ein zusätzliches Plus bei rauchkontaminierter Spezialtechnik und Kleidung nach Einsätzen. eine zusätzliche Heizung reguliert das Klima im Laderaum und ein Be- und Entlüftungssystem verhindert eine starke Geruchsbildung aufgrund von rauchbelasteter Spezialtechnik und Kleidung nach Einsätzen. Einen weiteren Schutz bei der Arbeit in Wind, Regen und Sonne bietet den Brandermittlern das mitgelieferte Heckzelt. Dieses Beispiel zeigt, dass zusätzliche Ausbauten zeitaufwändig sind und daher im Gesamtbeschaffungsprozess optimal eingeplant werden müssen, damit die Fahrzeuge vergleichsweise zügig an unsere Kunden ausgeliefert werden können – ein Anspruch, denn wir immer wieder an uns stellen.

Unsere Philosophie beim Fahrzeugausbau ist es, den Dienststellen ihre Einsatzfahrzeuge möglichst vollständig ausgebaut in einem uneingeschränkt einsatzfähigen Zustand zu übergeben. In sehr wenigen Ausnahmen kann, besonderen Situationen folgend, davon abgewichen werden, indem das Fahrzeug aufgrund eines dringenden Bedarfs des Nutzers vor dem Ausbau zwischendurch zur Verfügung gestellt wird, beispielsweise bei großen Unterdeckungen im Einzelfall. Dieses Vorgehen ist immer risikobehaftet. Es wird damit zwar kurzzeitig ein Bedarf gedeckt, es bedeutet aber auch, dass das Fahrzeug nicht vollständig einsatztauglich ist. Für den Kunden wird das dann noch problematischer, wenn möglicherweise gerade dann der Ausbau ansteht, wenn es am wenigsten passt. Zum besseren Verständnis: Auch unsere Ausbaupartner müssen den Einbau effizient gestalten, um ihn preisgünstig und qualitativ hochwertig anbieten zu können. In aller Regel bedeutet dies eine vertraglich geregelte Einbauzeitspanne von ca. 3 Monaten – 3 Monate, in der das Fahrzeug nicht zum Einsatz bereitsteht.

 

Fazit

Beschaffungsverfahren im Kfz-Bereich erfordern lange Planungsvorläufe, da unterschiedliche Bedarfe, vielfältigen Beteiligungen, gemeinsam zu findenden Standards, komplexen technischen Leistungsbeschreibungen mit entsprechendem Markthintergrund, teilweise mehrfachen öffentlichen Ausschreibungen (Rahmenvertrag für Grundfahrzeuge, gesonderte Ausschreibungen Ausstattung und Ausbauleistungen)  bzw. anschließenden Verhandlungsverfahren, Rügen und Einsprüchen – und zuletzt entsprechenden Lieferzeiten, besonderen Lieferengpässen und Modellwechseln gerecht zu werden ist. Das mag einerseits natürlich lang erscheinen – andererseits sind gerade Spezialfahrzeuge meist auf eine 10-jährige Einsatzdauer ausgelegt, was die Länge des jeweiligen Vorlaufs wieder deutlich relativiert.
Natürlich verstehen wir die hohe Erwartung und gelegentliche Ungeduld unserer nutzenden Kollegen, wenn planungsintensive Bedarfsabstimmungen, anspruchsvolle technische Leistungsbeschreibungen, unvermeidbare Ausschreibungsfristen und lange Liefer- und Einbauzeiten gerade bei hochwertigen Spezialausstattungen entsprechender Zeiträume bedürfen. Es fällt auch uns nicht immer leicht, bei den nutzenden Kolleginnen und Kollegen für Verständnis zu werben, dass bei der fachlich und wirtschaftlich notwendigen Standardisierung einzelne ihrer individuellen Bedarfe nicht immer wie von jedem gewünscht berücksichtigt werden können. Aber dafür gibt es ja die entsprechenden gemeinsamen Arbeitsgruppen und Abstimmungsprozesse, und letztlich wird dadurch auch die notwendige Wirtschaftlichkeit der Beschaffung insgesamt ermöglicht. So freuen wir uns auch bei jeder Beschaffungsmaßnahme über das begleitende Interesse und die hohe Erwartungshaltung unserer Kolleginnen und Kollegen, für die wir fachlich und technisch nachhaltige und wirtschaftliche Qualität bis hin zur Zertifizierung aller technischen und elektronischen Komponenten liefern – letztlich ist dies uns stets Ansporn und Bestätigung zugleich.

 

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