Hessische Polizei - Polizeiautos
 
13.12.2018

Alltagstypische Verkehrsunfallsituationen aus polizeilicher Sicht erklärt

Präventionskampagne der hessischen Polizei zum Thema Verkehrsunfallflucht

1. Unwissenheit / Unsicherheit hinsichtlich der Rechtslage

Situation: Eine junge Frau befährt mit ihrem PKW eine viel befahrene Straße innerorts, die parallel zur Fahrbahn über einen Parkstreifen verfügt. Sie berührt mit dem rechten Außenspiegel den linken Außenspiegel eines geparkten PKW – es knallt deutlich hörbar und die Brocken fliegen durch die Gegend. Die junge Frau erschrickt und überlegt – während sie weiterfährt – was zu tun ist. Da sie sich unsicher ist, wie sie sich richtig zu verhalten hat, hält sie nicht an sondern fährt erst einmal nach Hause oder ins Büro, weil sie dort jemanden fragen will, der sich auskennt.

Beachte: Die Verhaltensregeln des § 34 StVO müssen beachtet werden!

  • Unverzüglich anhalten.
  • Über Unfallfolgen vergewissern.
  • Angemessene Zeit auf Geschädigte warten und ggf. eigenen Namen und Adresse hinterlassen (zur Angemessenheit siehe auch Beispiel Nummer. 5).
  • Die Polizei über den Unfall informieren.

 

2. Unkenntnis über die unmittelbaren und mittelbaren Konsequenzen (straf- und zivilrechtlich, Auswirkungen auf den Beruf)

Situation: Ein Handelsvertreter stößt beim Einparken gegen ein hinter seinem Fahrzeug stehendes, geparktes Auto. Durch die Anhängerkupplung des Verursacherfahrzeugs werden Kennzeichen und die darunterliegende Stoßfängerabdeckung am PKW des Geschädigten deutlich beschädigt. Der Handelsvertreter steigt aus, besieht sich den angerichteten Schaden,steigt wieder ein, sucht sich einige Meter weiter einen neuen Parkplatz und besucht seinen Kunden. Er kümmert sich nicht weiter um den Schaden. Ein Zeuge hat das Geschehen beobachtet und informiert die Polizei.

Beachte: Die Sanktionen können sehr schmerzhaft sein!

  • Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe,
  • In Abhängigkeit von der Höhe des Fremdschadens ein Fahrverbot bzw. die Entziehung der Fahrerlaubnis,
  • Zwei oder Drei Punkte im Flensburger Fahreignungsregister – je nachdem, ob die FE entzogen wurde oder nicht,
  • Der Versicherer kann die Leistungen kürzen oder völlig versagen, wenn gg. die Aufklärungs- und Mitwirkungspflichten (AGB) verstoßen wird.

 

3. Eigene Fehler erkennen und eingestehen

Situation: Der ältere Autofahrer hat beim Ausparken auf dem Parkplatz des Supermarktes ein danebenstehendes Auto, ohne es zu bemerken, leicht gestreift. Er wird von einem Zeugen daraufhin angesprochen. Der Senior erklärt, das, was der Zeuge behauptet, könne nicht sein, da er in dem Fall etwas von einem Anstoß hätte bemerken müssen. Ohne sich um den Schaden zu kümmern, fährt er davon.

Beachte: Es kann unter bestimmten Umständen vorkommen, dass ein leichter Unfall vom Verursacher tatsächlich nicht bemerkt wird – in diesen Fällen wird der Beschuldigte nicht wegen unerlaubten Entfernens von der Unfallstelle bestraft. Sobald er jedoch von anderen Unfallbeteiligten oder Zeugen angesprochen wird, hat er die Verpflichtung, sich persönlich davon zu überzeugen, ob es zu einem Fremdschaden gekommen ist. Auch wenn er selbst keinen Schaden feststellt, sollte der Halter/Besitzer des anderen Fahrzeugs informiert werden – alternativ jedoch unverzüglich die Polizei!

 

4. Selbstbegünstigung durch Kleinreden des entstandenen Schadens

Situation: Eine ältere Autofahrerin parkt rückwärts mit ihrem Wagen aus und kollidiert mit einem geparkten Fahrzeug auf der anderen Seite der Parkplatzgasse. Sie bemerkt den Anstoß, steigt aus dem Auto aus und besieht die Kontaktstelle beim fremden Auto. Sie wischt mit den Fingern über die Stelle und sieht dort leichte Kratzer im Lack. Sie kommt jedoch zu dem Schluss, dass es sich hier nur um einen unbedeutenden Schaden handelt und fährt davon, ohne sich um die Angelegenheit zu kümmern.

Bachte: Die Frage, ob bei einem Unfall ein erheblicher Schaden entstanden ist oder nicht, hat zunächst allein der Geschädigte zu beantworten – in Zweifelsfällen ein Sachverständiger. Um in den Verdacht des unerlaubten Entfernens von der Unfallstelle zu geraten kann übrigens ein Fremdschaden ab 30 Euro ausreichen! Deshalb sollte man sich mit dem Geschädigten in Verbindung setzen und diese Frage klären. Ist dieser nicht vor Ort, müssen nach einer angemessenen Wartezeit die Personalien hinterlassen und zusätzlich die Polizei informiert werden.

 

5. Grundsätzliche Pflichten eines Unfallbeteiligten vergessen

Situation: Ein junger Mann streift beim Einfahren in eine Parklücke das davor am Fahrbahnrand stehenden Autos eines Anwohners. Der einsichtige Mann bemerkt den Unfall und schreibt – nachdem er seinen Wagen geparkt hat – seine Handy-Nr. auf einen Zettel. Diesen Zettel klemmt er beim angefahrenen Fahrzeug hinter den Scheibenwischer und verlässt die Unfallstelle. Zwei Tage später kommt der Geschädigte zu seinem Auto und findet den Zettel, der wegen des zwischenzeitlich stattgefundenen Gewitters völlig unleserlich geworden ist.

Beachte: Ist der Besitzer oder Nutzer des angefahrenen Fahrzeuges nicht an der Unfallstelle, muss dort eine angemessene Zeit auf ihn gewartet werden. Ob die Wartezeit angemessen ist oder nicht, hängt von den Umständen des Einzelfalls ab:

  • Tagsüber ist sie eher länger als nachts.
  • An einer Landstraße außerhalb einer geschlossenen Ortschaft eher kürzer, als in einer belebten Innenstadt.
  • Auch Art und Ausmaß der Unfallfolgen sind hier zu berücksichtigen.
  • Welche Wartezeit tatsächlich ausreichend ist, entscheidet für jeden Einzelfall das Gericht.

Das Hinterlassen eines Zettels mit einer Telefonnummer reicht alleine nicht aus! Die Straßenverkehrsordnung (§34 StVO) verlangt den vollständigen Namen und die Anschrift. Da ein Zettel durch alle möglichen Umstände zerstört werden oder verschwinden kann, muss zusätzlich und unverzüglich die Polizei informiert werden.

 

6. Streit über den entstandenen Schaden

Situationen: Zwei Männer im mittleren Alter sind in einen Unfall verwickelt. Der eine ist dem anderen leicht aufgefahren, als dieser bereits vor der roten Ampel steht und wartet. Der entstandene Schaden ist augenscheinlich nicht groß. An beiden Fahrzeugen sind Kratzer an der Stoßstange zu sehen und die Spaltmaße am Kotflügel und Motorhaube stimmen nicht mehr. Der Verursacher bietet dem Geschädigten 100 Euro in bar an. Der Vorschlag wird abgelehnt, da der Geschädigte mit dem Auto zunächst in eine Werkstatt fahren will, um die Schadenshöhe feststellen zu lassen. Daraufhin verdächtigt der Verursacher den Geschädigten, er wolle ihn „über den Tisch ziehen“ und einen Altschaden auf seine Kosten abrechnen. Hierüber kommt es zum Streit zwischen den beiden und der Verursacher verlässt die Unfallstelle, ohne seine Personalien hinterlassen zu haben. Auf die Aufforderung des Geschädigten, die Personendaten anzugeben, erwidert dieser, er könne das Kennzeichen ablesen – das wäre ausreichend.

Beachte: Der Austausch der Personalien an der Unfallstelle dient der Feststellung, wer an dem Unfall beteiligt gewesen ist. Der Verweis auf das Kfz.-Kennzeichen reicht hier nicht aus (wie unter Nr. 5 bereits erklärt) Der Personendatenaustausch ist notwendig, damit eine Schadensregulierung überhaupt stattfinden kann. Nicht erforderlich ist es, an der Unfallstelle ein Schuldanerkenntnis abzugeben oder sich über die Höhe des Schadens einig zu werden. Beides lässt sich zu einem späteren Zeitpunkt klären. Wichtiger ist, die Situation an der Unfallstelle zu dokumentieren:

  • Fotografieren oder dokumentieren, der Schäden, Spuren und Fahrzeugstellungen.
  • Zeugen notieren.
  • Bei einfachen Sachverhalten können besonnene Verkehrsteilnehmer solche Feststellungen alleine durchführen. In allen anderen Fällen empfiehlt es sich, die Polizei zu rufen, die den Unfall professionell aufnehmen kann.

 

7. Auch der Geschädigte kann sich wegen unerlaubten Entfernens von der Unfallstelle strafbar machen

Situation: Zwei Autofahrer fahren auf einer vierspurigen Straße in gleicher Richtung nebeneinander her. Links ein älterer Herr mit einer nagelneuen Limousine, rechts ein „lockerer Typ“ mittleren Alters in einem 25 Jahre alten Kleinwagen, der ringsum zerkratzt und zerbeult ist. Durch Unachtsamkeit des Seniors, der den Fahrstreifen nach rechts wechseln will, kommt es zu einer seitlichen Berührung der Fahrzeuge. Die Limousine hält sofort an – der „lockere Typ“ hingegen fährt, da ihm einerseits ein paar Dellen mehr an seinem Auto gleichgültig sind und er andererseits an dem Unfall keine Schuld trägt, ohne anzuhalten weiter.

Beachte: Alle Unfallbeteiligten können sich wegen unerlaubten Entfernens von der Unfallstelle strafbar machen, unabhängig von der Schuldfrage. In diesem Fall hätte der „lockere Typ“ anhalten müssen, um dem älteren Herren mitzuteilen, dass er auf Schadenersatzansprüche verzichtet. Die grundsätzliche Pflicht, seine Personendaten anzugeben, besteht demnach auch in diesem Fall.

 

8. Wer ist eigentlich Unfallbeteiligter?

Situation: Ein jugendlicher Schüler will den Bus erreichen und betritt die Straße, ohne dabei auf den Verkehr zu achten. Eine herannahende Fahrzeugführerin muss dadurch ihren PKW abrupt abbremsen. Der nachfolgende Fahrer eines Transporters erkennt dies zu spät und fährt auf den PKW auf. Der Schüler erschrickt und läuft anschließend zur Bushaltestelle, wo er in den dort wartenden Bus einsteigt und davonfährt.

Beachte: Jeder Verkehrsteilnehmer kann Unfallbeteiligter sein! Völlig unabhängig davon, welche Fortbewegungsart er gewählt hat. Entscheidend ist einzig die Frage, ob sein Verhalten nach den Umständen des Einzelfalls zum Unfall beigetragen haben kann.

 

9. Auf Nummer Sicher gehen

Situation: Eine Frau mittleren Alters fährt an einer Bushaltestelle vorbei. Aus einer Gruppe dort wartender Grundschüler läuft ein Kind auf die Fahrbahn und es kommt zu einer Kollision. Da die gefahrene Geschwindigkeit nicht sehr hoch war, kommt das Kind zwar zu Fall, aber es sind äußerlich keine Verletzungen erkennbar. Die Autofahrerin steigt aus dem Auto aus und kümmert sich um den ABC-Schützen. Das Kind steht unter Schock und ist noch voller Adrenalin. Es erklärt, es sei alles in Ordnung. Daraufhin atmet die Autofahrerin erleichtert durch, steigt in ihr Fahrzeug und fährt weiter. Als das Kind nach Hause kommt, klagt es über Kopfschmerzen und es muss sich übergeben: Gehirnerschütterung…

Beachte: Unfallbeteiligte stehen nach einem Unfall häufig unter Schock oder dem Einfluss von Adrenalin. Deshalb empfinden Verletzte in einigen Fällen erst verzögert Schmerzen. Insbesondere bei Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern sollte sich nicht auf die Aussage „Mir ist nichts passiert – mir geht es gut!“ verlassen. Seine Personendaten sollten vorsichtshalber aufgeschrieben und ausgehändigt werden. Wichtig ist es auch, solche Unfallbeteiligte nicht alleine zurückzulassen – im Zweifel unbedingt den Rettungsdienst und die Polizei verständigen!

 

10. Ist das denn auch ein Verkehrsunfall?

Situation: Eine Mutter mit Kind kommt aus dem Supermarkt und schiebt den Einkaufswagen zu ihrem Auto. Als sie die Einkäufe in den Wagen räumt, macht sich der Einkaufswagen ohne fremdes Zutun selbständig und rollt gegen ein danebenstehendes Auto. An diesem Fahrzeug entsteht eine leichte Delle und geringfügiger Lackschaden. Die Frau schaut sich um, ob jemand das Missgeschick beobachtet hat. Danach bringt sie den Einkaufswagen zurück, setzt das Kind in ihr Fahrzeug und fährt davon, ohne sich um den Schaden zu kümmern.

Beachte: Das Ein- und Ausladen sowie das Ein- und Aussteigen gehören rechtlich zum Führen eines Kraftfahrzeuges dazu. Versucht man sich nach einer solchen Situation aus dem Staub zu machen und sich so vor der Schadensregulierung zu drücken, wird es als „unerlaubtes Entfernen von der Unfallstelle“ bewertet und ein Strafverfahren eingeleitet. Gleiches gilt im Übrigen für Schäden, die durch das Anstoßen mit geöffneten Fahrzeugtüren entstehen.

(Quelle: Arbeitsauftrag aus der Sitzung der AG Unfallflucht/UAG Medienkonzept beim PP Nordhessen, PHK Behrens)