Luftbildaufnahme des Polizeipräsidiums Mitelhessen
 
09.10.2012

Gießener Kriminifestival 2012 - Das Böse ist immer und überall

Gießener Krimifestival 2012 mit dem Motto: Das Böse ist immer und überallMultimediavortrag von Staatsanwalt Frank Späth zum organisierten Menschenhandel in den Gewahrsamszellen des Polizeipräsidiums Mittelhessen

Das Böse ist immer und überall

zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man die Flut neuer Krimis betrachtet, die sich - wenn auch virtuell - im Abdruck oder als Film mit dem Bösen beschäftigen. Aber wer oder was ist das Böse? Wo kommt es her und wo bitteschön will es hin?

Organisator des Gießener Krimifestivals, Uwe Lischper     
Diese und noch mehr Fragen warf der Organisator des Gießener Krimifestivals, Uwe Lischper (siehe Foto links),  bereits im Vorfeld der diesjährigen Veranstaltungsreihe auf, die vom 28.09. bis zum 28.10.2012 mit erfolgreichen Autorinnen und Autoren, bekannten TV-Schauspielerinnen und -Schauspielern, namhaften Künstlerinnen und Künstlern und einer Vielzahl von Akteuren in Gießen und Umgebung für Gruselstimmung und Gänsehautfeeling sorgt.  Einige Antworten warteten auf die interessierten Besucher am Mittwoch, 03.10.2012, in den Gewahrsamszellen des Polizeipräsidiums in der Gießener Ferniestraße.

Logo des Gießener Vereins Criminalium Der Gießener Verein Criminalium organisierte zusammen mit dem 2 rote Pfeile Polizeipräsidium Mittelhessen einen Multimediavortrag mit Staatsanwalt Frank Späth von der Wetzlarer Staatsanwaltschaft. Späth hat als Staatsanwalt für Kapitaldelikte täglich mit dem Bösen und seinen Folgen zu tun. So lag es nahe, ihn erneut als Referenten in die Gewahrsamszellen des Polizeipräsidiums Mittelhessen einzuladen. Im Gepäck hatte er einen eindrucksvollen, aber zugleich auch beklemmenden Beitrag zum Thema „Human Trafficking“.Vizepolizeipräsident Peter Kreuter

  
Vizepolizeipräsident Peter Kreuter (Foto rechts) begrüßte die rund 100 Gäste an dem ungewöhnlichen mit LED-Kerzenlicht illuminierten Ort und versprach gleich, dass im Gegensatz zu den sonst üblichen Insassen, jeder das Gewahrsam anschließend wieder verlassen darf.

Es folgte ein kleiner Einblick in die Arbeit des 2006 in Gießen gegründeten Vereins Criminalium. Der Verein hat es sich vorgenommen „Strafrechtskultur“ für jedermann sichtbar und verstehbar zu machen.

Staatsanwalt Frank Späth von der Wetzlarer Staatsanwaltschaft    

Menschenhandel gehört zu den gewinnträchtigsten Einnahmequellen des organisierten Verbrechens weltweit, berichtete Frank Späth (Foto links). Die Opfer stammen meist aus sozial unterprivilegierten Schichten und sind vornehmlich Kinder und Frauen, die durch falsche Versprechungen in Verbindung mit mentalen Zwängen, z.B. Voodoo, pure Gewalt oder Entführung in die Hände verbrecherischer Organisationen fallen. Experten beziffern den jährlichen Gewinn von mafiösen Organisationen auf über 32 Mrd. US-Dollar.

   
Frank Späth
war im Frühjahr 2011 Teilnehmer einer internationalen Konferenz zum Thema „Human Trafficking“ in Abuja (Nigeria) und dokumentierte in seinem Vortrag mit Filmsequenzen und zahlreichen Bildern das Schicksal von nigerianischen Prostituierten, die in die Fänge der global agierenden Organisationen gerieten. Mit falschen Versprechungen rekrutieren sogenannte „Black Boys“ die Mädchen. Späth erläuterte anschaulich die Schritte, welche die meist zwischen 14 bis 17 Jahre alten Opfer, die fast nur aus der Stadt Benin City kommen, dann auf ihrem oft bis zu zwei Jahre dauernden Weg in die Rotlichbezirke Europas zurücklegen. Ein mündlicher Vertrag mit einer nigerianischen Zuhälterin, einer sogenannten „Madame“ und ein Voodoo-Zauber, das sogenannte „Juju-Ritual“, bilden den Auftakt. Es sei auffallend, dass nur Frauen als Mädchenhändler fungieren, sagte der Staatsanwalt. Die Mädchen verschulden sich durch den Vertrag mit bis zu 60.000 Euro bei den „Madames“, ohne zu überblicken, wie groß dieser Betrag tatsächlich ist. Mit dem Wissen um Wirkung des Rituals üben die „Zuhälterinnen“ eine sehr starke Macht über die Frauen aus. So wird über das Juju-Ritual suggeriert, dass der eigene oder der Tod naher Angehöriger eintritt, wenn man gegen die Abmachung verstößt oder sich den Behörden offenbart. Darüber hinaus entsteht der Zwang, die Schulden in Europa abzuarbeiten. Beides zusammen sind die Basis für Ausbeutung und Zwangsprostitution von jährlich etwa 20.000 bis 80.000 Frauen aus Nigeria. „Das „Juju“ ist für die Mädchen wie für uns ein „GPS-Signal“. In ihrer Vorstellungskraft kann sie die „Madame“ überall orten und mental kontrollieren“, erläutert Frank Späth. Nach der Ankunft in Europa übernehmen dann ortsansässige „Madames“ die „Macht“ über die Frauen.

Nina Wagner las in original nigerianischen Frauenkleidung eindrucksvolle und erschütternde Zeilen aus dem Buch „Ware Frau“ von Corinna Milborns, in dem der Weg einer Nigerianerin zur Prostitution tagebuchartig beschrieben wird. Man konnte es den gebannt zuhörenden Gästen ansehen, dass es hier um Erscheinungen und  Folgen des „richtigen Bösen“ ging und nicht um eine fiktive Handlung aus einem Krimi. Die Stimmung im Publikum schwankte zwischen Informationsdurst und Beklemmungsgefühl.

interessierte Besucher in den Gewahrsamszellen des Polizeipräsidiums in Gießen   interessierte Besucher in den Gewahrsamszellen des Polizeipräsidiums in Gießen

Anschließend erklärte Staatsanwalt Späth die Problematiken der Strafverfolgungsbehörden in Nigeria, Europa und Deutschland. Es sind nicht nur die unterschiedlichen Gesetze und Rechtsauffassungen, so Späth. Die Opfer des Menschenhandels haben Angst vor den Folgen des Voodoo-Zaubers und sind schwer für eine Zusammenarbeit mit den Behörden zu gewinnen. Selbst die Polizisten in Nigeria fürchten die Stärke des Voodoo, wusste Späth von seiner Reise zu berichten. Allerdings habe es in Deutschland trotz aller Schwierigkeiten schon einige Verurteilungen mit mehrjährigen Haftstrafen für die Zuhälterinnen und ihre Helfer gegeben. Darüber hinaus sei man in Nigeria inzwischen mit Präventionsmaßnahmen (siehe nachstehende Plakate) bemüht, die Bevölkerung aufzuklären und zu warnen, schloss der Staatsanwalt.

Plakate als nigeriansiche Präventionsmaßnahmen    Plakate als nigeriansiche Präventionsmaßnahmen     Plakate als nigeriansiche Präventionsmaßnahmen

Bei einer kleinen Fragerunde stand Frank Späth den Besuchern Rede und Antwort. Ein kleiner Imbiss mit Wasser, Brot und einer mittelhessischen Wurstspezialität rundete den informativen Vortrag im Gewahrsam ab.

Mehr zum Krimifestival unter www.krimfestival.de
zum Criminalium unter www.criminalium.de